August 10

stavanger – oslo – bergen

in norwegen geht es zuerst nach stavanger und von dort zurück nach oslo. von oslo aus dann mit der bergen-bahn einmal nach bergen und zurück mit einem abstecher mit der flåm-bahn zum ende des aurlandsfjord.

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dias von der nordsee und skandinavien im sommer 1993 bei flickr >>

ich fahre mit dem zug nach stavanger. die zugfahrt hier ist wesentlich angenehmer als in deutschland. der zug ist relativ leer und gemütlich, mit den abfahrtzeiten nimmt es niemand hier so genau, der schaffner quatscht nocht etwas mit dem lokführer und irgendwann geht es dann los. in einem der drei waggons stehen große thermoskannen mit kaffee und tee, eine box daneben mit der bitte, pro becher 5 kro­nen einzuwerfen. 5 kronen, das sind etwa 1,25 dm. in deutschland kostet der kaffee im zug 5 mark.

der zug bahn sich seinen weg durch felsgestein, zwi­schen bergen und seen hindurch. viele tunnel, viel wald. in einem kasten hängt eine säge, ein hammer und eine axt. für alle fälle.

weil eine frau aus berlin um zu ihrer ferienhütte zu kommen auf den lokalzug zwei stunden warten müs­ste, hält unser zug eben außerplanmäßig einfach an der mini-station.

im rogland-museeum in stavanger betrachte ich arne ekeland: mor med barn, 1937, 200 * 150 öl auf leinwand. kalt und weiß heben sich die dürren gestalten aus dem dunkelfarbigen grund. da sind häuser, telelgaphenma­sten, wege, eine kirche, doch all das steht im dunklen hintergund. die menschen sind verzweifel. auch das kreuz in der hand hat nichts von überweltlicher macht, wirkt nur verloren in der unendlichen verzweif­lung. ein spielzeugpferd steht unbeachtet zwischen den gestal­ten. kinder schauen fragend ins leere. im himmel win­den sich gestalten in einer art riesigem spinnennetz. die menschen sind am ende.

desto mehr ich schaue, desto mehr entdecke ich. ein mann steht am rande und onaniert. der penis zeigt auf die frau schräg über ihm. ihre scheide ist blutrot. die frau hält sich die augen zu, daß mädchen unter ihr schaut mit großen augen auf den mann. eine gestalt in dem ’spinnennetz‘ sieht aus, als trüge er einen helm der wehrmacht.

er, arne ekeland, ist interessant. er malt viel in symbo­len. starken symbolen. leeren gesichtern, totenköpfen, ketten, feuer über städten, sowjetischen fahnen, … das meiste davon in der zeit von 1937 bis 1944. 1964 malt er trolle in dunklem rot, die aber schon mehr verspielt als gefährlich wirken. …

von stavanger geht es zurück nach oslo. ich laufe ich durch die stadt, schlen­dere durch die festung akershus und moderen shop­pingcenter die es hier gleich dutzendweise gibt, be­such das widerstandsmuseeum, einen skulpturenpark, …

aber auch die frage, was ich weiter mache von hieraus. spitzbergen und die tour über tromso – nordkap – kir­kenes nach finnland sind etwa gleich teuer. spitzber­gen habe ich nach dem, was ich darüber gelesen habe schon wieder abgehakt. schwere schuhe, fortbewe­gung außerhalb longyearbyens nur mit schneescooter und waffe (wegen der eisbären), all das braucht glaube ich mehr vorbereitung.

für die nord-norwegen-tour wollte ich mir heute schon tickets holen, aber es war zu spät, das booking-office der hurtigruten (‚postschiffe‘) war nicht mehr zu errei­chen und so komme ich erst morgen früh an die tickets.

und schon wieder überlege ich, ob ich das überhaupt will. ob nicht cafes in großen städten wie oslo, stock­holm oder helsinki die bessere und billigere alternative zum nachdenken sind. und nachdenken ist für mich im moment vielleicht wichtiger als der hohe norden. aber irgendetwas treibt mich auch raus.

das interrail-center hier ist ziemlich genial. aufenthalt­raum und rucksack-abstellmöglichkeit, kaffee für 5 kronen, treffpunkt, …

hier liegen bücher, in die interrailer tips, erfahrungen und meinungen schreiben. „In Narvik unbedingt den Steilberg besteigen“ oder „Die Bergen-Bahn lohnt sich total“ oder „Elche sind gar nicht so gefährlich wie sie aussehen aber schwedische Bullen haben mich gejagt – na ja, vielleicht wollten sie ja nur spielen“ oder „Wenn es noch einen DAVID BOWIE Fan auf der Welt gibt, rufe Deutschland 030 / … an“.

ich habe mich entschlossen, auch die nordkaptour zu lassen. vor allem die fünfhundert mark, die die schiffs­touren und die busfahrten gekostet hätten und die we­nige zeit, in ruhe irgendwo zu bleiben, weil auch das geld kostet, möglichst mit nachtzügen fahren um übernachtungskosten zu sparen, unterwegs nichts kaufen können weil zu wenig geld, allein durch tromso und kirknes laufen, wo es, auch wenn es nördlich des polarkreises liegt, vermutlich auch nicht total anders aussieht als in anderen orten und das nordkap, für 95 kronen eintritt eine felskuppel betreten …

ich habe immer wieder hin und her überlegt und bin dazu gekommen, daß mir auch diese gedanken etwas klauen. vielleicht auch eine flucht. diese gedanken ma­chen mich zu für alles andere, lassen meinen kopf nicht zur ruhe kommen, schließen meine augen, für das was ich jetzt und hier entdecken kann. wie ein rie­siger dunkler schatten schwebt der norden über mir. da ist ein reiz, aber auch etwas was mich zurückhält und ich bin nicht in der verfassung für experimente.

klar, nicht so weit in den norden zu fahren empfinde ich irgendwo auch als niederlage. eine ‚herausforderung‘ der ich mich nicht stelle. aber ich fühle mich eben jetzt nicht reif für ‚herausforderungen‘.

ich fahre heute gemütlich nach bergen, morgen abend zurück nach oslo und übermorgen nach stockholm.

die bergen-bahn fährt eine wunderschöne strecke entlang, seen, berge, wasserfälle. es regnet und der erste schnee taucht auf. kalt. ein tunnel. dunkel. aber am ende eines tunnels ist licht. si­cher.

ich hatte gehofft, hier im norden etwas zu finden, was ich hier nicht finden werde. etwas, was ich in meinem alltäglichen leben finden muß, oder gar nicht. vielleicht deshalb immer wieder der wunsch nach hause zu fahren. vielleicht deshalb mein unbehagen, mich zu entfernen. entfernen kann sehr spannend sein, auf einer gesi­cherten basis. ohne ist es unangenehm. was bringt es mir jetzt im moment, oslo, bergen, stockholm oder helsinki zu sehen?

in bergen schlendere ich durch den malerischen ort, besuche das widerstandsmuseeum und den ulrikenberg, „top of bergen“.  mit einer bergbahn fahre ist zuerst auf den floyen, laufe wieder ins tal zur talstation der ulriken-seilbahn und dann hinauf, 643 meter über der stadt. über den inseln vor bergen kann mensch im dunst das offene meer erahnen. die kü­stenorte hier in norwegen liegen immer in fjorden, kein offener blick auf die see.

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ich komme nicht weiter, mit meinen gedanken über meine zukunft. die dunkelheit gestalten – sicher ich kann düstere lyrik oder texte wie diese schreiben, aber das ist irgenwie auch langweilig.

ich will leben, habe ich am lessinggymnasium in einer friedens-aktionswoche groß auf papier gesprayt. da war noch mehr drang nach leben. da wäre ich wahr­scheinlich erstmal nonstop zum nordkap. aber heute ist da kaum noch drang. allenfalls in träumen passiert großartiges. filmen, video, kino, das waren träume, in denen ich damals noch chancen für meine lebensgestaltung wähnte.

ich hatte mich entschlossen, meine diplomarbeit über hochschulpolitik zu schreiben, weil mir das als ein guter abschluß meiner jetzigen tätigkeit erschien und weil es mir die möglichkeit eröffnete, bei einem guten prof mein diplom zu machen. das spricht auch immer noch dafür, wie das mit einer diplomarbeit im bereich video aussähe, weiß ich im moment nicht, wäre aber sicher nach wie vor nicht unmöglich. aber auf jeden fall beim anerkennungsjahr erscheint mir die richtung medien wieder sinnvoll.

die alternative, politik als job, ist nervig. im moment merke ich, daß ich diese ‚profession‘ zwar ‚beherrsche‘, daß sie mir aber auch ganz mächtig en­ergie klaut, daß sie mich runterzieht und keine wirkli­che gestaltungsmöglichkeiten bietet.

und gestaltung ist letztendlich das, was mir im moment fehlt. weil gestaltung eben auch eine form von kom­munikation ist. eine starke form.

ich denke, ich werde mir in den nächsten tagen mehr museen anschauen. was ich suche ist nicht einsamkeit und nature. vielleicht auch deshalb das unbehagen bei meinen nordkap- und spitzbergen-plänen. da ist ein thrill der mich reizt, aber nichts um drei wochen damit zu verbringen. fünf-tage kurzurlaub von zuhause, mit flugzeug nach spitzbergen, schneescouter fahren, fo­tos machen, vielleicht video, aber nicht drei wochen durch die nordische wildnis. sowas hat mich in deutschland nie gereizt, warum sollte es das hier tun.

auseinandersetzung mit kunst, mit welt-bildern anderer menschen, vielleicht theater, …

auf in die welt!

und ich sollte auch zuhause mehr gestalten. fotografie­ren ist nicht nur für urlaube und demos spannend und hat viel mit film zu tun. ich habe mein leben zu sehr auf die hochschulpolitik ausgerichtet. ich muß da jetzt raus.

hin und wieder in den letzten wochen vor meinem ur­laub habe ich darüber nachgedacht, ob es wirklich richtig ist, mir der hochschulpolitik jetzt schluß zu ma­chen, angesichts der entwicklungen, die ich jetzt maß­geblich mit eingeleitet habe.

der beschluß des fks-vorstandes, unter umständen der fks-mitgliederversammlung eine öffnung der fks für alle studentInnenschaften vorzuschlagen, hat in der tat eine für die studentische hochschulpolitik historische bedeutung. wenn diese öffnung stattfindet, ist das der beginn eines neuen aufbaus, der viel kraft erfordern wird und auch sehr spannend sein kann, so wie es für mich der aufbau der fks war.

aber ich bin bald 30, mit dem studium fast fertig und mache nun schon länger als die allermeisten anderen studentInnen die zur zeit aktiv sind hochschulpolitik. weder für die studentische politik noch für meine ent­wicklung wäre es gut, wenn ich weitermachen würde.

für die studentische politik wäre es nicht gut, weil sie von der nähe ihrer funktionärInnen zu den studis selbst lebt und wenn da eine zu große distance entsteht ver­liert sie ihren emanzipativen charakter. autoritäre strukturen entstehen, auch wenn die struktur ‚an sich‘ nicht autoritär ist, aufgrund der personen, die eine professionalität entwickeln, die den anderen fehlt. diese entwicklung ist jetzt schon überdeutlich und ich nutze sie auch, um bestimmte prozesse voranzutrei­ben. aber an irgendeinem punkt gibt das dann einen studentInnenverband der, wie in finnland zum beispiel, fahrschulen, hotels, gaststätten, etc. betreibt, in dem die studis selbst aber nur noch konsumenten seiner dienstleistungen und nicht mehr bestimmendes sub­jekt seiner politik sind. im schlimmsten falle werden sie, statt der politischen entscheidungsträger in hoch­schule und gesellschaft, die objekte der politik ihrer funktionäre. solch ein funktionär zu sein, kann nicht mein ziel sein.

nach einem halben museen-tag am ende meiner zeit in bergen fahre ich mit der bergen-bahn nach myrdal (866 m über dem meer) und von dort mit der flåm-bahn wieder auf 20 m runter zum ende des aurlandsfjord. neben mir sitzen drei bayern, die darüber reden wie sehr der tourismus in diesem dorf bereits fuß gefasst hat, dabei gibt es hier kaum was, außer dem bahnhof, ein paar häusern und der cafeteria. im hintergrund klingt deutsche ‚volksmusik‘ aus der cafteria.

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ich sitze hier, schaue auf den fjord und denke doch immer wieder darüber nach, warum ich meine nord­kap-pläne über bord geworfen habe obwohl ich soviel in dieser richtung geplant habe. ich denke, das planen war das wichtige, seltene zug-schiff-busverbindungen herausfinden, strecken planen, auch wieder etwas ge­staltendes. die ausführung, tagelang in zügen, schiffen und bussen zu sitzen für etwas thrill, der vermutlich am touristisch aufgepeppten nordkap für 95 kronen eintritt auch noch enttäuschend wäre, war weniger spannend. wenig möglichkeiten der auseinandersetzung.

dann fahre ich in zweieinhalb-stunden wieder die schöne steile strecke der flåm-bahn hinauf und dann weiter mit dem nachtzug nach oslo. übermorgen dann stockholm.

das interrail-centrum in oslo ist fast ein wenig ‚zuhause‘ geworden. neben mir spielen italiener gitarre und singen dazu, andere essen, duschen, reden, … eine nette camp-athmosphere. ich lese in meinem ‚anderen‘ norwegen-reisführer. auch dieses land kommt mir näher. die ‚wir-gesellschaft‘, wie die autorInnen sie nennen, mit sym­phatischer sozialer sicherheit und erschreckender konformität, bloß nicht ausbrechen, auch im umgang mit minderheiten wie den samen, einer art indianer der finnmark (nord-norwegen), die kaputtintegriert wurden, aber auch widerstand dagegen, das café blitz in oslo, eine art kiefern- oder hafenstraße norwegens. der ‚andere‘ reiseführer zitiert einen tv-dialog mit den leu­ten vom blitz:

„Ihr wollt also immer noch nicht snill sein?“ „nee, wir sind einfach nicht snill.“ Das schlug vermutlich ein in Norwegens Wohnzimmern. ‚Snill‘ ist noch so ein Wort der gesellschaftlichen Verhaltens­übereinkunft, das sich nur schlecht übersetzten läßt. Es bedeutet soviel wie lieb, nett, nächstenliebend.

köhne, gunnar: anders reisen: norwegen, reinbek 1991, s. 40
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auch die kunst-auseinandersetzung ist spannend. kunst als teil der nationalen selbstfindung norwegens, das lange zeit quasi kolonie dänemarks war und später unter schwedischer verwaltung stand. da war erstmal eine sehr ausgeprägte ’norwegische romantik‘ mit starken bildern von bergen, fjorden, sonne, … wie es sich in diesem naturland ja geradezu anbietet, später dann den expressionismus munchs, der mich in seiner farbenfröhlichkeit allerdings weniger reizt als etwa die graphik der künstlergruppe brücke. schließlich sur­realistische werke von ekeland und anderen. die künstler, die ich in stavanger im rogalandmuseeum meist zum ersten mal sah, begegneten mit in den kunstmuseen und -galerien bergens und heute in der osloer nationalgalerie wieder.

ich merke, daß die auseinandersetzung mit kunst und geschichte mich nach wie vor ungeheurer reizt und frage mich, wie das in meiner zukunft eine größere rolle spielen kann. in bergen der besuch der ehemali­gen theta-zentrale, einer widerstandsgruppe die im fa­schismus informationen nach england funkte mit ko­pien ihrer orginaldokumente, die bibliothek der natio­nalgalerie in oslo um etwas über ekeland harauszufin­den, ich suche diese archivaisch-historische auseinan­dersetzung.

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aber auch der drang danach immer weiter – oder zu­rück – zuziehen ist stark. auch wenn der heutige aus­flug auf den frognerseter (etwa 500 meter über dem oslofjord liegender berg mit aussichtsturm) eher ein flop war, weil die wolken so tief hingen, das die sicht weit geringer war als auf der karl johans gata, will ich jetzt weg und es ist gut, daß in einer stunde mein zug fährt. das zitat im ‚anderen‘ reiseführer von knut ham­sum (ein ansonsten eher widerlicher norwegischer dichter der deutlich mit dem faschismus sympathi­sierte) fand ich in dieser stimmung sehr passend:

Es war in jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verläßt, ehe er nicht von ihr gezeichnet worden ist.

knut ham­sum, zitiert nach köhne, gunnar: anders reisen: norwegen, reinbek 1991, s. 105 (kristiana war der frühere name oslos)



thomas molck

Veröffentlicht10. August 1993 von xthomas in Kategorie "no bergen oslo stavanger

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