August 20

leningrad

ich bekomme noch ein ticket um mit der konstantin simonov von helsinki nach st. petersburg, in der sowjetunion leningrad, zu fahren. ich besuche die smolny mit exklusiver führung einer historikerin  sowjetischer geschichte, laufe an der neva entlang und durch die baufällige universität. und ich besuche das revolutionsmuseeum, heute das museeum für das politische leben,  die erimetage im winterpalais und die peter und paul festung.

93-0272

dias von der nordsee und skandinavien im sommer 1993 bei flickr >>

ich fahre in die fünfmillionen­stadt am ende der ostsee. heute morgen sah das noch ganz anders aus. im reisebüro meinten sie, die ganze saison sei ausgebucht. im terminal sagte die vertreterin der baltik-line, es gäbe keine chance, noch eine kabine zu bekommen, das schiff sei ausgebucht und die kabi­nen wären bezahlt, die chance, das jemand nicht käme sei also gleich null. und doch, eine halbe stunde vor abfahrt war dann eine b-luxe-cabin frei. kostet zwar mit 595 finnmark doppeltsoviel wie die günstigste, ist damit aber immer noch äußerst preiswert. drei übernachtun­gen, vollverpflegung und schiffsreise für 200 mark. am nordkap gibt es sowas nicht.

93-0321

die konstantin simonov fährt unter russischer flagge, die crew kommt zum größten teil aus leningrad und das essen ist russisch. vielleicht ist das ganze deshalb so günstig. doch offensichtlich wird hier nicht nur an der reise verdient. das schiff ist zwar erheblich kleiner als die fähren zwischen finnland und schweden, steht ihnen in sachen night-clubs, sauna, bars, etc. aber we­nig nach und für exkursionen könnte ich nochmal so­viel ausgeben wie für die reise selbst. eine exkursion musste sich sowieso mitnehmen, um die ‚visiting-card‘ der ersatz für das sonst notwendige visum, zu be­kommen. so wird der tag morgen zum ersten mal in meinem urlaub mit einer organisierten stadtrundfahrt beginnen.

jetzt sitze ich aber vorerst entspannt auf dem achter­deck, erahne die untergehende sonne hinter den wol­ken am horizont, schaue in die – von hier oben be­trachtet – seichten wellen und relaxe.

93-0257

der erste tag in der stadt der revolution ist vorbei. ich sitze bei einer dose duty-free-heineken in meiner ka­bine. gerade habe ich mir noch vor dem terminal eine mütze eines sowjetischen marineoffiziers gekauft. steht mir ganz gut, die weiße mütze mit hammer und sichel auf rotem untergrund.

die vielen schwarzhändler haben sich auf den neuen kapitalismus gut eingestellt, sie verkaufen nur in ‚harter währung‘ und waren überall, wo unser sightseeingbus heute vormittag seine ladung zur fotosafarie der alten gemäuer auslud. die besseren fotos habe ich am nachmittag gemacht, wo ich allein und zu fuß einen großen teil der weiteren innenstadt durchquerte.

ich begann im ostteil der stadt, im „smol’ninskij rajon“, wo vor der ’sowjetischen wende‘ die macht in lenin­grad saß, die partei und einige staatliche und gesell­schaftliche institutionen. im mittelpunkt, eine im vori­gen jahrhundert von katharina der II gegründeten mädchenschule (smolny). es war die erste mädchen­schule im zaristischen rußland, natürlich nur für die töchter der oberen schichten und vor allem auf haus­wirtschaft, kochen, etc. ausgerichtet.

als nach der februarrevolution in der damaligen haupt­stadt die bürgerliche regierung ins winterpalais des za­ren zog, übernahmen die arbeiter- und soldatenräte, die sowjets die smolny. hier arbeitete lenin in den er­sten jahren, hier wurde auf dem zweiten allrussischen kongreß der arbeiter und soldatenräte seine regierung der volkskommissare gewählt.

später kam die kpdsu leningrads in das größere ge­bäude der smolny, während das sehr schöne ur­sprüngliche gebäude, das sogenannte smolny-kloster dem konsomol übergeben wurde. so wurde eines der schönsten historischen gebäude der stadt eine art größeres jugendzentrum.

die räume lenins sind gut erhalten und die im moment wohl in der ehemaligen sowjetunion einzigen zugängli­chen räume dieser art. das leninmuseeum im marmor­palast leningrads wurde geschlossen, die räume dem russischen museeum, das dort seine portraitsammlung ausstellen will, übergeben. dem museeum in moskau wurde vom staat der geldhahn zugedreht, wenngleich die menschen, die dort arbeiten, versuchen, es zu er­halten.

all das erzählt uns unsere führerin im smolny. sie hat sowjetische geschichte studiert und arbeitet jetzt an einer ausstellung über die gesamte geschichte smol­nys. dabei war es nicht selbstverständlich, zu dieser führung zu kommen. als ich in dem gebäude nach den leninräumen fragte, wurden erst verschiedene ange­stellte geholt, bis schließlich die historikerin kam und mir erklärte, eine führung sei möglich, koste aber 2000 rubel (ca. vier mark).

eigentlich kein problem, vier mark für eine führung zu bezahlen, aber auf die empfehlung unserer schiffs-rei­sebegleitung hatte ich soviel nicht getauscht, was zu­erst ja auch ganz sinnvoll erschien, die busfahrt ko­stete 10 rubel (2 pfennig!) und in restaurants u.ä. muß mensch ohnehin in ‚harter währung‘ bezahlen.

ich versuchte zu klären, ob ich auch in finnmark oder deutscher mark zahlen könne, doch bevor diese kom­plizierte prozedur begann kam eine schwedische fami­lie, die auch eine führung wollte und so konnten wir uns die 2000 rubel teilen.

die schweden waren auch sehr interessiert und die hi­storikerin war offensichtlich erfreut über die führung. da es kaum informationen darüber gibt, das es sie gibt, finden nur wenige den weg dorthin. und sie erzählt mehr, als ob der geschichte des hauses nötig wäre, fragt, wie es in deutschland nach der wiedervereini­gung weitergehe, ob es in ostdeutschland jetzt besser wäre als früher.

hier sei es heute schlechter, sagt sie, alles würde im­mer teurer, den menschen ginge es immer schlechter, es wäre schmutziger als früher, …  sie meint, in ihrem ganzen leben hätte sie so reiche und so arme men­schen, wie es heute hier gäbe, noch nicht erlebt.

93-0275

sie führt uns als erstes in einen großen saal, den ein gemälde lenins schmükt. es ist der saal, in dem auf dem zweiten allrussischen kongreß lenin und seine volkskommissare gewählt wurden. es wäre diskutiert worden, sagt sie, das bild abzunehmen, wie soviele bilder und denkmäler lenins. aber die neuen herrscher – es ist jetzt das rathaus von leningrad – entschieden doch, daß es bleibt, denn „es ist unsere geschichte“ sagt die historikerin.

auch der erste wohnraum, in dem das berümte bild lenins, zeitunglesend auf dem sofa hängt, und das büro lenins ist erhalten. außerdem gibt es einen raum mit einer handvoll weiteren bildern lenins, stalins und anderer. alles, was zur zeit vom großen leninmuseeum im marmorpalast überig ist.

vor dem gebäude finde ich noch erhaltene lenin-, marx- und engelsdenkmäler. vor den toren des ’smolny-klosters‘ stehen immer noch die ‚fliegenden händler‘ mit den russischen steckpuppen, den bildern und anderen souveniers und warten auf den nächsten sightseeing-bus.

ich ziehe weiter, vorbei an den klötzen des ehemaligen apparates, zur neva, dem fluß der sich durch die stadt in zwei teilen seinen weg in die ostsee bahnt.

93-0277
93-0284
93-0288

ich mache fotos. immer mehr. der grau, verregnete tag, die baustellen, die aufgerissenheit der stadt, das alten, ein bißchen wie ostberlin früher.

ich gehe über die stätten der geschichte, das marsfeld, die „kirche des blutenden erlösers“, wo der zar umgebracht wurde, der zwar die leibeigenschaft abschaffte, aber zu mehr zugeständi­nissen an die  ‚aufständischen‘ nicht bereit war, der kreuzer aurora, der den startschuß der revolution gab, das winterpalais, im sturm genommen für 74 jahre und jetzt.

ich überquere die neva um auf die wasili-insel zu kommen. ich gehe durch die universität. sie ist noch baufälliger als die ostdeutschen unis und mittendrin steht eine medaille, auf der die rotarmisten die fortzie­hen von ihren müttern verabschiedet werden.

93-0301
93-0306

es ist dunkel geworden. die letzten kilometer auf dem ewig langen bolschoj-prospekt fahre ich wieder mit dem bus. prospekt heißen die straßen, von deren einen ende mensch wegen ihrer breite und geradlinigkeit vom einen ende das andere ende sehen kann, trotz­dem sie mehrere kilometer lang sind.

es regnete wieder, als ich an bord der konstantin si­monov im seehafen für passagiere kam.

am nächsten tag besuche ich das revolutionsmuseeum. es ist jetzt das museeum für das politische leben. eine austellung, die eine ‚ausgewogene‘ darstellung bürgerlicher und kommuni­stischer revolution anstrebt, natürlich lenin ebenso wie stalin negativ darstellt, aber in den bildern der revolu­tion, den fotos der bewegung immer noch eine deut­lich andere sprache spricht, als die kommentare der ausstellungsführerin. in einem wachsfigurenkabinett sind die bekannten menschen der bewegung, zaren und aufständler gegen sie, marx, bakunin und russi­sche bürgerliche intellektuelle, lenin, trotzki und stalin, chrustschov und breschnev, gorbatschov und jelzin dargestellt. da es hier wohl noch keine des englischen mächtingen menschen gibt, die eine führung machen könnten, führt ein junge mich mit einem casettenre­korder durch das kabinett.

die erimetage, die große kunstaustellung im ehemali­gen winterpalais ist da schon mehr auf touristen einge­stellt. die preis für ‚foreigner‘ sind um ein vielfaches höher, eine fotografiererlaubnis kostet extra, eine wechselstube gibt es gleich im museeumsfoyer. die ausstellung beeindruckt vor allem durch ihre größe, die werke der einzelnen künstler treten hinter die masse zurück, selbst wenn sie eine ’station‘ der führungen sind.

nach den museen wandere ich über die peter und paul festung, eine kleine insel zwischen den inneren stadt­teilen, ummauert, eine kirche und ein knast darin. dort seien früher die politischen gefangenen eingekerkert worden, war uns auf der sightseeingtour gesagt wor­den, den knast gibt es immer noch. stacheldraht auf den dächern, videokameras, lichtschranken. gegen­über ist das atelleriemuseeum, nicht weit das der ma­rine, alles passt.

93-0308
93-0313

ich fahre mit der metro zum nevski-prospekt. wie in den meisten alten großen städten liegt die metro weit unter der erde. die zugänge sind kleine häuser in der mensch für 50 rubel marken kauft, die den zugang zu den ewig langen rolltreppen verschaffen.

auch wenn in der passage 2 eine coca cola flasche groß von der decke baumelt, so ist die commerzialisie­rung noch nicht soweit fortgeschritten. lediglich die massenhaften geschäfte mit russischen puppen, glas, heiligenbildern, etc. sind wohl neu, sonst herrschen eher traditionelle geschäfte vor, kein glimmer, keine große leuchtreklame und einen mc donals habe ich auch nicht entdeckt.

93-0318

ich suche nach originellen postkarten und finde überall nur dieselbe serien des normalen. wie früher in der ddr. aber da gab es dann wenigstens agit-prop-karten mit brecht, marx oder majakowski. gab es hier vermutlich früher auch.

ich bedaure sehr, nicht die sowjetunion besucht zu haben, als es sie noch gab. diese andere welt des so­genannten ‚real exsistierenden sozialismus‘, von der ich etwas besser nur die ddr kennengelernt habe, hat mich immer fasziniert. oft habe ich darüber nachge­dacht, ob ich in ihr hätte leben können. ich habe diese frage meist bejaht, wenngleich dies aus meiner ‚west-sichtweise‘ wohl kaum richtig zu beurteilen ist.

aber trotz allem falschen, als was kritisiert werden mußte und muß, die nicht-realität des sozialismus, die verbrechen, die bevormundung, die stagnation, bei allem habe ich doch immer dort eine größere chance für einen neuen weg gesehen als bei uns. wesentliche grundlagen, kein privateigentum in der produktion, so­ziale absicherung aller, ansätze eines bildungssy­stems, das gleiche entwicklungsmöglichkeiten für alle herzustellen in der lage gewesen wäre und vieles mehr.

aber die fehler haben die bereitschaft der menschen für einen neuen weg zerstört. vieles war richtig, an der politik der sich sozialistisch nennenden staaten, aber ihre bürger waren nicht die subjekte dieser politik.

das scheitern des sozialistischen versuches an der mangelnden beteiligung der menschen an der politik, macht das gewicht der notwendigkeit von demokratie deutlich. die frage ob alle menschen, frauen und män­ner, arbeiterInnen und hausarbeiterInnen, die, die im produktionssektor und die, die im reproduktionssektor tätig sind, arbeiterInnen in fabrik und büro und auch kinder und alte, tatsächlich alle menschen wirklich be­teiligt sind, ist zentral.

ein system, das eine solche beteiligung ermöglicht, kann immer noch allein ein sozialistisches sein. der kapitalismus lebt in den hochindustrialisierten staatem, in den ländern des trikonts und jetzt auch im osten die verschiedensten varianten seiner gesellschaftsforma­tion vor, und nirgendwo gibt es demokratie im sinner wirklicher beteiligung aller. die bisherigen sozialischen versuche ermöglichte diese beteiligung auch nicht. aber allein das privateigentum an produktionsmitteln, mit denen andere als ihre eigentümer gesellschaftlichen reichtum schaffen, den ihre eigentümer sich aneignen, widerspricht jeder demokratie.

allerdings scheint es, als widersprechen die menschen überall auf der welt ihr auch. manche tun es aufgrund des imperialistischen zwangs, wie in nicaragua, wo nur der bürgeliche weg ein ende des krieges erhoffen ließ, den die usa gegen die revolution führte. andere befür­worten die bürgerliche unfreiheit, weil sie in ihr satt sind und die befreiung fürchten.

die welt hat kaum noch eine chance. in der bürgerli­chen, der kapitalistischen gesellschaft, schrieb marx, entwickeln sich die produktivkräfte unter den bedin­gungen des freien marktes, bis sie einen stand erreicht haben, bei dem die eigentumsverhältnisse des freien marktes ihre ent­wicklung nicht mehr fördern sondern hemmen, dem punkt, wo die kapitalistischen eigen­tumsverhältnisse zu fesseln der entwicklung der pro­duktivkräfte werden. dieser punkt ist noch nicht er­reicht. aber die entwick­lung der produktivkräfte unter den eigentumsverhält­nissen des freien marktes zer­stört die welt. sie werden sozusagen nicht nur zum to­tengräber ihrer eigentums­verhältnisse sondern zum totengräber der welt.

auch die sich sozialistischen nennenden länder haben das nicht anders gehandhabt. es gibt kaum perspekti­ven, es anders zu handhaben. auch wenn vielen men­schen dies in dieser konsequenz nicht bewust ist, so gibt es doch einen zusammenhang zu ihrer furcht vor befreiung. es hat wenig reiz, eine zukunft selbst zu ge­stalten, wo es keine zukunft mehr gibt.

das ökologische überleben der welt, also die beendi­gung der kriege und die grundlegende umstellung von produktion und reproduktion in allen ländern sowie weitreichende maßnahmen zur wiederherstellung überlebensfähiger ökologischer systeme würde sehr administrative maßnahmen erfordern. demokratisch wäre das kaum zu machen. damit würden die maß­nahmen einem überleben des gesellschaftlichen sy­stems aber wiederrum die grundlage nehmen. ein teufelskeis.

aber die entscheidung, demokratisch in die ökologisch katastrophe zu ziehen oder ökologisch in die autoritäre gesellschaft steht ohnehin nicht zur debatte, da, nach dem scheitern des sozialistischen versuches mit dem weltweit ohne überlebensfähige alternative dastehen­den kapitalismus, der weg deutlich in richtung einer ökologischen katastrophe und einer autoritären gesell­schaft weist. eine ökologische katastrophe in raten al­lerdings, eine, die die immer weiter entwickelten pro­duktivkräfte immer noch ein stück weiter aufzuschie­ben zu vermögen und einer autorität, die viele so nicht spüren in ihrer zufriedenheit mit dem was sie haben und die selbst die, die nicht haben, nicht angreifen.

wenig licht. kunst in dieser zeit muß dunkel sein. die künstler in der zeit des faschismus schufen schwarze bilder, elend, verzweiflung, tod. die not der menschen war für sie ebenso für die menschen selbst spür- und darstellbar.

die not heute ist in den hochindustrialisierten ländern, in den metropolen, zu wenig spürbar. ich sitze in der bordbar, habe musik und getränke, einen palmtop zum schreiben und ruhe zum denken. sie tritt an den rän­dern hervor, in der neuen armut im west und ost, sowieso im trikont. aber auch diese not ist noch nicht so existenziell wie die globale realität. die wirklichkeit der men­schen ist zu irreal schön.

kunst in dieser zeit muß die schönheit zerstören. ent­wicklung in der kunst – ein teil der entwicklung der ge­sellschaft – war im positiven immer schockierend. heute gibt es keine schocks in galerien und museen, die kunst muß auf die straße und sie muß provozieren.

entweder die menschheit findet den schmalen grad, einer ökologischen und demokratischen entwicklung, der befreiung der menschen und der erhaltung der welt, oder es ist ein totengesang. totengesänge aber sind ausdrucksstarke kunst!



thomas molck

Veröffentlicht20. August 1993 von xthomas in Kategorie "ru leningrad - sankt petersburg

Schreibe einen Kommentar