März 26

new york city

ich fliege zum ersten mal nach amerika, zuerst nach new york city. eine woche mit vollem programm in der megastadt, galerien, museen, filme, theater, skyscraper, statue of liberty, bronx, brooklyn, staten und coney island …

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ich bin auf dem weg nach new york. ich fühle mich seltsam, habe das gefühl, mich nicht richtig vorbereitet zu haben, wichtiges vergessen zu haben, …  außerdem habe ich kopfschmerzen. der flug dauert siebeneinhalb stunden, das meiste habe ich noch vor mir.

es war ein spontaner entschluß. vor ein paar wochen hatte ich mir gerade überlegt überhaupt urlaub zu machen, teneriffa oder so, dann entstand die idee nach san francisco zu fliegen. da habe ich mir nur gedacht, eigentlich könnte ich das tun, ohne wirklich daran zu glauben, das ich es tun würde. dann war ich vor zwei wochen am flughafen um mich relativ unverbindlich umzusehen und bekam das continental angebot düsseldorf san francisco mit stop over new york für 700 mark. es war allerdings schon ausgebucht, aber zu diesem zeitpunkt hatte ich mich entschieden es zu tun und so habe ich auch das teurere angebot von delta gebucht und up and away …

john f. kennedy airport, new york, mittwoch, 18. märz 1998. ich komme zum ersten mal nach new york, zum ersten mal in die staaten. dichter nebel liegt über der stadt. beim anflug sanken wir immer weiter in die weiße masse und als die sicht wieder klar wurde, waren wir auch schon fast am boden.

ich gehe mit der masse durch die langen gänge des terminals der delta-airline. hier haben die großen ami-airlines jeweils ihr eigenes terminal. wir kommen zum „US Bureau of Immigration and Nutrification“. in einem großen raum sind die wege, die die schlange der „Non Residentes“ nehmen muß, vorgegeben. an ca. 20 schaltern sitzen einwanderungsbeamtInnen. schon im flugzeug mußten formulare ausgefüllt werden. die frage „sind sie mitglied in einer kommunistischen partei?“ gibt es nicht mehr. hat sich wohl erledigt. dafür aber die fragen „sind sie terrorist?“.

das ganze erinnert etwas an die eingangshallen zur ehemaligen ddr. auch als ich der beamtin gegenüber stehe fühle ich mich ähnlich. aber es läuft erstaunlich easy. sie fragt nur nach der dauer des aufenthalts, nicht nach beruf, nicht nach dem geld, das ich dabeihabe, … nach zwei minuten ist alles klar. beim zoll führt das einfache, standardmäßig mit fünfmal nein angekreuzte formular (keine nahrungsmittel dabei, keine drogen, keine waffen, kein vermögen, …)  zum durchwinken wie wenn ich von mallorca nach deutschland zurückkomme.

der jfk airport ist etwas unübersichtlich, ein riesiges gelände mit terminals, parkplätzen, straßen und drumherum das noch größere flugfeld. ich nehme den erstbesten free-bus um dann festzustellen, dass der doch nicht zur subway fährt und steige an einem terminal mit verschiedenen asiatischen airlines aus und warte auf den richtigen bus, der mich dann zur subway-station howard beach bringt.

für subway und bus brauche ich keine tokens mehr, modernste technik hat einzug erhalten mit der metrocard. mit einer bestimmten geldmenge gekauft, läßt sie sich, wenn die verbraucht ist, immer wieder aufladen.

der zug fährt eine zeitlang überirdisch durch queens und dann unter brooklyn und dem east river her nach manhattan. erstmal erkenne ich die zentren der stadt nur an den subway-stationen. „world trade center“, „broadway“, „times squere“, … aber ich habe ja sieben tage zeit für die metropole.

in der upper west side steige ich an der 103. strasse aus und gehe zur jugendherberge. zuerst sehe ich den mit schwerem stacheldraht gesicherten garten. auf der anderen seite betrete ich dann das gebäude, check in, zahle das erste mal mit meiner visa-card und zeige von jetzt an immer wenn ich den inneren teil des gebäudes betrete an der türe meine quittung.

die türen sind auch mit magnetkarten gesichert, für wertsachen gibt es extra fächer. alles ist sicher.

ich gehe noch etwas raus, die 103. straße herunter bis zum hudson river. auf der west end avenue entdecke ich ein schild: „this street is patrolled by uniformed guard“.

zwischen der upper west side und dem hudson river liegt der riverside park, durchschnitten von einer autobahn die ich nur an wenigen stellen unterqueren kann. dafür gibt es hinter der autobahn dann aber einen schönen fußgängerweg am direkt hudson-river entlang.

ich laufe durch den dunklen park und frage mich, ob das so klug ist. ich habe niemanden gefragt, ob er sicher ist und ich bin mir in dieser stadt noch ziemlich unsicher.

am nächsten  morgen (donnerstag) zunächst ein kleines frühstück mir ei und brot für 4,5 $ in der jugendherberge. dann fahre ich los, zunächst zum anthology film archiv. dort soll gerade das „New York Underground Film Festival“ stattfinden. die filme laufen aber erst abends, aber nach dem klingeln an der verschlossenen türe bekomme ich immerhin ein programm.

ich fahre weiter zur city hall. für eine metropole hat new york ein ziemlich kleines rathaus, aber dafür sind die skyscarper der konzerne ja umso höher.doch bevor ich zum world trade center komme, bleibe ich in einem buchladen hängen.

von den fünf regalen „Social Sience“ ist fast die hälfte mit „Gender Studies“ belegt. Auch wenn auch ‚einfache‘ Gay-Guides hier abgelegt sind, ist das angebot zu „Gender Studies“ doch immer noch recht beeindruckend. wenn nicht alles in englisch gewesen wäre, hätte ich hier viel geld gelassen.

einige regale weiter findet gerade ein kleines buchhandlungs-jazz-konzert statt. in die buchhandlung ist auch ein cafe eingebaut, in das ich die bücher vor dem kauf mitnehmen und bei einer tasse kaffee lesen kann. ich nehme mir „Gender Studies from Freud to Foucault“, ein buch über bruce la bruce, einem schwulen filmemacher an der grenze zwischen avantgarde und porno und die gay guides von new york und san francisco und gehe ins cafe. die ersten beiden büchern hätte ich fast gekauft, aber das teilweise recht theoretische englisch war mir dann doch zu anstrengend. aus den gay guides konnte ich fleißig infos rausschreiben.

danach gehe ich zum world trade center. schon beeindruckend, wie diese 110 etagen hohen klötze so leicht auf der erde stehen. unten sind große hallen mit den aufzügen in der mitte, großen säulen und viel glas drumherum.

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ich spare mir die fahrt nach oben, weil die turmspitzen die ganze zeit im nebel liegen. dafür mache ich schöne nebel-fotos im financial district. da sollen die menschen ja auch nicht alles sehen.

im angrenzenden world financial center lasse ich mich unter palmen nieder um zu schreiben.

new york ist gar nicht so schnell. alles ist größer, die stadt, die skyscraper, der subway, die parks, aber anders?

eine metropole, nicht anders als hamburg, berlin, münchen, nur größer und etwas schmuddeliger. erinnert manchmal an ostdeutschland. im größten teil der stadt. hier im world financial center und nebenan im world trade center ist das anders. da ist alles in marmor geleckt.

aber hier kann ich sitzen, unter palmen aus der mojave-wüste mit blick auf den hudson-river. ein palast des kapitalismus aber wie der palast der republik offen. an den aufzügen allerdings endet die offenheit. sicherheitsdienste kontrollieren ausweise, die zum zugang berechtigen.

das volk kann für 12 $ in die 107. etage des world trade centers fahren – „top of the world“.

überhaupt merke ich, dass ich überall schwarze und echte sheriffs sehe, im subway, auf öffentlichen plätzen, …

klar sehe ich keine verhaftung von jemanden, der an einen baum gepinkelt hat. aber das spielt sich vermutlich auch nicht im touristischen zentrum ab.

vom world financial center fahre ich mit einer fähre nach new yersey. auf der anderen seite des hudson rivers finde ich mich auf einem riesigen parkplatz wieder. hektische manager eilen von der fähre zu ihren autos. kein wunder, auf dem marktplatz vor dem world trade center kostet jede halbe stunde 9 $.

von hier aus sieht das nebelverhangene manhattan noch schmuddeliger aus. nichts ist da vom kodakcolor-glanz der ansichtskarten. einfach nur eine verregnete große stadt.

ich fahre mit der tube, der u-bahn von new yersey, zurück in den financial district und laufe das letzte stück des broadways entlang richtung battary park. auf der linken seite entdecke ich das national museeum of the american indians. der eintritt ist frei.

im museeum viel indianische kunst und kultur, fast folklore. eine ausstellung „memory and imagination“ zeigt immerhin die künstlerische verarbeitung der unterdrückung der indianer. eine aufarbeitung des genozids der europäischen eroberer findet nicht statt. dafür gibt es im museeumsshop reichlich indianischen klimbim zu kaufen.

ich gehe durch den battary park und sehe die großen gelben fähren, die zwischen manhattan south ferry und staten island pendeln. sie erinnern etwas an die öffentlichen ij-fähren in alten amsterdam. sie sind auch umsonst und so reihe ich mich spontan ein in menschenmassen die auf zwei etagen gleichzeitig auf die fähre strömen.

die fähre fährt zunächst an governors island vorbei. auf der insel stehen wohnhäuser und offizieller aussehende häuser mit usa-flaggen. vermutlich navy oder sowas. auf dem stadtplan ist die insel schlicht weiß. später tauchen steuerbord ellis island und liberty island mit der statue of liberty auf. nach etwa 25 minuten legt die fähre auf staten island an.

das fährterminal hat, auch wenn es nur ein kurzer weg von manhattan hierher ist, die atmosphere der großen weiten welt wie viel seeterminals mit ihren großen wartesälen mit holzbänken, ticket offices — die hier allerdings keine funktion mehr haben —, imbissläden, großen uhren, etc.

ich fahre mit derselben fähre zurück nach manhattan. die skyline taucht langsam aus dem dunkel des abends heraus und nimmt einen immer größeren teil des blickfeldes ein, bis die fähre weit unter der spitze der skyscaper andockt.

ich gehe in die subwaystation south ferry. eine der wenigen  historischen stationen. die u-bahn fährt hier im kreis (es ist eine endstation) und wenn sie zum stehen gekommen ist fahren kleine gateways vom bahnsteig aus um die teilweise recht große distance vom bahnsteig zum zug zu überbrücken.

an der station christopher street verlasse ich die u-bahn wieder und bummle durch die gay community. es gibt hier etwas nettere shops für klamotten und toys, sie sind hier mehr wie boutiquen und nicht — wie meist in deutschland — als schmierige sexshops gestaltet.

die schwulenkneipen sind offener, keine clubs die sich — wie bei uns — von aussen uneinsehbar hinter schweren türen mit guckloch verstecken.

das historische stonewall inn wirkt eher wie die blende als wie der club five in düsseldorf.

aber die schwulen sind etwas anders als bei uns. vielleicht auch etwas offener in der öffentlichkeit,  aber chic mit trendy frisuren und klamotten, zumindest hier in der christopher street.

einige blocks weiter ist das gay-community center. ein haus, in dem sich über drei etagen in 3 flügeln schwulen- und lesben-gruppen, gruppen- und ausstellungsräume, pinnboards und anderes ausgeweitet haben.

aber wie in deutschland habe ich das gefühl, das hier vor allem insider verkehren.

ich ziehe noch ein wenig durch die west villiage und laufe dann durch soho wieder in die east villiage zum anthology film archiv um mir wasted anzusehen. ein film aus holland von ian kerkhof. im programm steht:

this is a film for the x-generation, ravers, lay-abouts or the Beauvis & Butthead types which spend much time in front of a television screen. the techno musik thumps into your heads almost without haveing ever to stop … and the cameras swinging about even crazier an in articulately then in Lars von Triers Breaking the Waves!

aber der film war mehr – eine frau ist mit einem wunderschönen langhaarigen typen zusammen – sie haben eine sehr romantische beziehung. sie bekommt einen job in einem plattenladen und lernt einen dealer kennen. sie beginnt zu dealen und entfernt sich immer mehr von ihrem freund, schläft mit dem dealer. eine freundin geht mit dem erfolgreichen dj cowboy ins bett, weil sie auch dj werden will. bei einer party soll sie den „vor-dj“ machen, spielt aber cowboy an die wand. die frau hat sich von dem dealer wieder getrennt. aber sie schuldet einem anderen 4000 hfl. sie, ihre freundin und eine weitere freundin nehmen einen hit auf und präsentieren ihn auf einer party. der dealer kommt auch dort hin um mit dem anderen dealer abzurechnen, von dem er sich betrogen fühlt. die frauen reisen mit dem langhaarigen typen in einer stretch-limousine an, aber er wird nicht mehr reingelassen und besäuft sich draußen auf der straße mit ein paar skins. der dealer kommt und bringt den anderen um, aber als er wieder rauskommt hat der langhaarige mit den skins sein auto demoliert, so das er nicht wegkommt bis die polizei kommt. der langhaarige und das mädchen kommen wieder zusammen.

eine lange geschichte, die sich nicht viel kürzer erzählen läßt. photografiert teilweise mit einer trashigen, unruhigen kamera, digitalen verfremdungen und den XTC-sequenzen, immer schnell, wirklich ein generation x film.

nach dem film ist es 3 uhr. ich laufe zur u-bahn und bleibe in den „off-hour waiting areas“ die bewacht werden. sicher ist sicher.

am freitag morgen ist das wetter etwas besser (es regnet nicht mehr). nachdem ich gestern relativ schnell in downtown manhattan gestartet bin und danach immer schritt für schritt geschaut habe, was ich weiter mache, gehe ich den tag heute geplanter an.

museen und galerien, abends ins theater. ich laufe durch den central-park in die upper east side zum museeum of the city of new york. diese geschichte beginnt natürlich auch mit der eroberung (klar, vorher gab es new york city ja nicht sondern nur ein paar blöde manna-hatta-indianer die manhatten schließlich für glasperlen und werkzeuge im werte von 60 hfl an die holländer verkauft haben.

aber auch danach fehlt einiges in der geschichte, die wechselnden kolonialmächte, erst holland, dann england, die unterdrückung und ermordung der farbigen, armut, die kämpfe der arbeiterInnen …

alles in allem mehr folklore. einzig die photo-ausstellung: berenice abbott’s changeing new york 1935 bis 1939 zu besuchen hat sich gelohnt.

vom museeum fahre ich wieder mit dem bus in die 5th avenue herunter, quer durch midtown und dann die 23. strasse nach westen bis zu den chelsa piers.

hier gibt es in den alten lagerhallen viele neue gallerien. auf der 20. strasse soll es im haus 529 die galerie stux geben. ich finde zunächst nur die galerie „feigen contemporary“ mit einer ausstellung von endzeitobjekten von gregory green.

so muß kunst am ende der welt aussehen, die zerstörung reflektieren. ein ensemble schnell rotierender sägeblätter, eine cruise missile, eine atombombe, ein computervirus …

mir gefallen die objekte so gut, dass ich mir für 25 $ den katalog kaufe. jetzt bin ich erstmal pleite.

die galerie stux finde ich im 9. stockwerk. und auf jedem stockwerk gibt es ein bis zwei galerien.

hier hängen bilder von inka essenhigh. „slaves“, ein bild von 1997, 66 * 66 kostet 3600 $. rote gestalten sind irgendwie gefesselt, fließen ineinander, werden neu geschaffen … auch hier endzeit auf eine etwas andere art.

es ist schon spät geworden, vier uhr, und um 4:30 wollte ich im museum of modern art sein, weil es dann weniger eintritt kostet.

aber hunger habe ich auch und kein geld mehr. also fahre ich mit der u-bahn zum museeum laufe dort erstmal zum nahegelegenen american-express büro. um fünf bin ich schließlich im museeum.

das museeum ist anders, als ich mir es vorgestellt hatte. kein freistehendes modernes gebäude sondern ein skyscraper wie andere auch, mitten in midtown, eingebaut in das blocksystem der streets und avenues.

das museeum ist privat wie die meiste kultur in new york. hier will der kapitalismus zeigen was er kann. und dabei zeigt er sogar eine soziale komponente: statt der üblichen 9 $ eintritt zahle ich freitags von 16:30 bis 20:30 nur soviel wie ich will.

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innen erinnert es etwas an ein kaufhaus. rolltreppen führen zu den verschiedenen ausstellungen und zu den sammlungen des museeums.

kubistische bilder von fermand léger, großportraits von chuck close, sowjetische architektur von alvar aalto, between humanism and materialism. überhaupt werden hier viele bereiche der bildenen kunst ausgestellt, nicht nur gemälde und skulpturen sondern auch fotografien, videos, architektur, …

auch im fabrications-projekt, das das museuum of modern art zusammen mit dem museuum of modern art in san francisco, dem wexner center for the arts in ohio und dem museu d’art contemporani de barcelona gestartet hat. in allen vier museen haben architekten objekte gestaltet, in new york ist es der the tectronic garden im innenhof des museeums. wo sonst nur skulpturen stehen sind jetzt verschiedenste objekte aufgebaut, in und auf die ich mich teilweise setzen kann, objekte, die geometrie, architektur und bildende kunst verknüpfen.

ich bin kaum noch in der lage, das alles aufzunehmen, merke jetzt doch, das diese stadt zwar nicht schnell ist, aber viel und damit anstrengend. ich mache erstmal pause im museeumscafe und esse ein wenig. auch das museeumscafe gleicht mehr einer mensa und zu allemdem findet hier gerade noch ein jazz-konzert statt.

ich gehe dann doch durch das museeum. die ausstellungen sind nicht uninteressant aber auch nicht umwerfend. die galerien in chelsa fand ich spannender.

die ständige ausstellung ist cronologisch geordnet und recht gut sortiert. die wichtigsten richtungen der moderne sind nacheinander dargestellt, gut für einführungen in moderne kunst jedweder art.

ein bild von lynel feininger mit dem namen „uprising“ von 1910 beeindruckt mich. rote fahnen, aufstrebende arbeiter. spannend ist, das feininger 1871 in den usa geboren wurde, von 1887 bis 1936 in deutschland war und dann von 1936 bis zu seinm tod 1956 in die usa zurückkehrte.

sonst gibt es für mich wenig neue entdeckungen in der sammlung, aber vielleicht bin ich auch nur zu müde um zu sehen.

auf der dritten etage eine videoinstallation. projektionen auf drei bügelbrettern, zwei weitere stehen dazwischen mit bildern von frauen. in den videos sind auch frauen zu sehen, tanzend, bügelnd. handtücher faltend und bestickend. eine videoinstallation als enviroment in das ich mich hineinbegeben und gefangennehmen lassen kann.

ausserdem noch spannend: die galerie tree in der foto-abteilung. hier hängen fotos von events in new york und im museum, die den museumsleuten wichtig sind – da hängt die demo in den 60ern neben der vernisage in den 90ern – und ein buch, in das besucherInnen ihre ideen, vorschläge, meinungen schreiben können.

guter anfang interaktiver kunstarbeit um die einbahnstraße künstlerischer kommunikation aufzubrechen und interaktion zu ermöglichen. später sollen vielleicht terminals dazukommen.

ich verlasse das museum ziemlich müde, mit theater wird heute abend nix mehr. ich laufe verschlafen über den time squere. die größe der leuchtreklamen ist zwar beeindruckend aber das „leben“ vor den ticketshops ist kaum anders als abends an der gedächtnisskirche in berlin. ich fahre früh nach hause um noch etwas zu schreiben.

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die jugendherberge ist insgesamt ja ein ziemlicher massenbetrieb mit cafes – wo ein frühstück allerdings teurer ist als bei mc donalds -, ticket shops und vielen mehr. die zimmer sind groß und crowdy. die toiletten und duschen so, das ich mich lieber nicht länger dort aufhalte.

ganz wohl fühle ich mich in der lounge. hier gibt es auf zwei etagen bücher, einen kaffee-automaten, ein klavier, pool-billiard und einen pc mit netzzugang. den nutze  ich noch um meine urlaubs-emailadresse einzurichten, dann falle ich ins bett.

am samstag hängt der nebel immer noch über der city, wie seit meiner ankunft die ganze zeit. trotzdem fahre ich auf das empire state building. der blick in den nebel über new york von der 84. etage des empiere state buildings.

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fast in den wolken ist der blick von hier oben nach unten ähnlich getrübt wie der von unten nach oben. nicht den überblick über die menschen und das leben in der stadt haben die, die hier in schwindelnder höhe arbeiten. sie können nur erahnen, was dort unten los ist. ein scharfer wind weht hier oben, aber hinter dem glas bin ich sicher.

ich bleibe hier ein wenig und schreibe, mache ein paar fotos, dann laufe ich durch midtown wieder nach chelsa in die 19. strasse. hier ist der schwule buchladen „a different light“. wieder beeindruckt mich die menge an literatur über gender, gay- und lesbian studies, leider immer noch alles auf englisch, wenn es in diesem buchladen auch immerhin ca. 100 bücher mit deutscher gay-literatur gibt. und hier gibt es auch wieder ein cafe, in dem mann und frau die bücher lesen kann ohne sie zu kaufen  und so bleibe ich hängen und kaufe am ende ein buch von boy george, in dem er auch sein schwules leben beschreibt.

sein narratives englisch kann ich auch ohne wörterbuch einigermaßen lesen, im gegensatz zu den theoretischen gender studies werken. ausserdem freue ich mich über den zweiten erfolgreichen einsatz meiner visa-karte.

ich laufe noch ein wenig durch chelsa, aber da es schon wieder halb sechs ist mache ich mich wieder auf den weg zum anthology film archiv.

diesmal nehme ich den direkten weg durch greenwich villiage über den washington square mit der new york university und komme pünktlich zur aufführung von doris wishmans „bad girls go to hell“ von 1965. ein film über sexploitation.

meg führt ein normales leben mit ihrem mann, der sie allerdings wegen seiner arbeit oft alleine läßt. so auch an diesem samstag, an dem sie dann die aufgeräumte wohnung noch mehr aufräumt und im nachthemd den müll runterbringt. dort überrascht sie ihr nachbar und versucht sie zu vergewaltigen, läßt am ende aber von ihr ab. später schiebt er einen zettel unter der türe her, sie solle zu ihm kommen, sonst würde er ihrem mann den vorfall erzählen. sie geht zu ihm und als er  wieder versucht sie zu vergewaltigen erschlägt sie ihn.

voller angst und schuldgefühl geht sie nach new york wo sie – meist negative – erfahrungen mit männern macht. zwischendurch kommt sie auch bei einer lesbe unter, mit der sie sich auch gut versteht und nach kurzer zeit mir ihr ins bett geht. doch sie verläßt sie, weil sie sie liebt. als ein detektiv sie als die gesuchte „mörderin“ erkennt, erwacht sie aus ihrem traum, als ihr mann sie aufweckt. er muß aber nochmal ins büro. sie räumt die aufgeräumte wohnung noch mehr auf und bringt im nachthemd den müll herunter, als ihr ihr nachbar begegnet …

die regisseurin ist anwesend, eine lebendige alte frau, die mit witz und charme fragen beantwortet, zumindest soweit ich sie verstanden habe. sei weist zurück, einen film über gewalt gegen frauen gemacht zu haben. „what’s about violence against man?“ fragt sie. trotzdem hat sie genau das transportiert. der einzige ort, wo sich meg wohlfühlt, ist bei der lesbe. alle männer enttäuschen sie und beuten sie aus, …

vom anthology film archiv gehe ich ins nahe gelegene CBGB in dessen galerie die homotronic night of togetherness stattfindet. es ist ein äußerst vielfältiges programm von musikerInnen und tänzern aus new york, die teilweise anderswo eigene shows haben. leise chansongs, laute lieder, duette, eine rockgruppe, tänzer, …

die drag queen justin führt durch das programm, das david driver zusammengestellt hat. beide sind auch hervorragende sängerInnen von denen ich gerne eine cd hätte. die band von justin ist etwas rockiger als die vorhergehenden chansongs und ein wunderschöner junge mit dretloks spielt in ihr gitarre und singt.

der abend dauert fünf stunden nach denen ich müde und gut gelaunt nach hause fahre.

ich beginne den sonntag wieder in chelsa im photograph district, was allerdings nur bedeutet, das hier fotolabors en masse zu finden sind aber leider keine galerieen.

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heute hat es begonnen zu schneien und so bekommt der stadtteil eine neue interessante atmosphere. nach einem ziemlich standardmäßigen scrambled eggs frühstück gehe ich die 17. straße nach osten. am union square finde ich die new york film academie, die im april mehrere kurse anbietet, unter anderem auch an der humbold universität in berlin. kosten allerdings schlappe 4000 $.

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weiter im osten komme ich zur stuyvesant town. wieder ein kleines garath in new york. aber hier wechseln sich massenwohnhäuser mit gewachsenen wohnvierteln in schnellem rythmus ab und das fast überall in manhattan, außer natürlich im financial district und in midtown.

das ganze stück zwischen downtown (financial district) und midtown, vor allem west-, greenwich und east villiage, chelsa und die lower east side gefallen mir echt gut. ein bißchen wie ein riesiges bilk oder flingern. viele kneipen, theater, buchläden, die uni von new york, das anthology film archiv, die new york film academie, …

die atmosphere ist hier auch anders als in der upper west side. die ist mehr wie ein belebteres eller. hier ist alles etwas ruhiger, hat eine gemütliche und auch spannende atmosphere.

in der lower east side laufe ich die orchard street entlang, wo die läden sich bis auf die straße ausbreiten so das ich mich fast wie auf dem flohmarkt fühle.

im tenement museumsladen schaue ich mir das modell eines immigrantInnenhauses an, durch das ich mich hier führen lassen könnte. die lower east side war ein immigrantInnenviertel. hier wird in einer videoshow auch ein etwas anderes bild von der geschichte der city vermittelt. es wird dargestellt, dass die eroberer den indianern das land gestohlen haben und das das immigrantInnenleben in new york immer ein leben in elend war. hier wird die versklavung der farbigen beim namen genannt.

vom tenament museum gehe ich zurück richtung east villiage und mache einen kleinen abstecher an der auffahrt zur willamsbrug entlang zum east river. unter dieser riesigen brücke hätte die titanic herfahren können, wenn sie den new york erreicht hätte. die brücken in new york sind, wie alles im dieser stadt, einfach groß.

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ich laufe zum nada theater in der lublow street. hier wird seit 20 jahren in einem raum, gerade drei mal so groß wie unsere wg-küche, theater gemacht. ich schaue mit „Are You Now or Have You Ever Been?“ an, eine szenische darstellung der verhöre vor dem „komitee für unamerikanische aktivitäten“ 1946 bis 1956.

auch wenn ich nur die hälfte verstehe, kommt rüber, was hier passiert, wenn der ausschuß immer wieder nach namen fragt und alle zeugen, die nicht im knast landen wollen, zu verrätern macht. es kommt rüber, dass es kein stück um dinge geht, die die politischen aktivitäten der befragten betreffen und noch weniger um die politischen aktivitäten der communist party. das urteil darüber ist gefällt. er geht nur um neue namen, die, einmal ausgesprochen, zu verschwörern und schuldigen werden.

nach dem stück gehe ich ein paar meter weiter ins standard notions (161 ludlow).

sehr nette kneipe hier. psychodelische bilder an den wänden, tom & jerry filme auf den monitoren, billy brack.

überhaupt ist die east villiage / lower east side eine gute gegend. zwei off-off-broadway theater, in denen politische stücke geboten werden, liegen hier nah beieinander, das anthology-film-archiv, der markst, …

je länger ich hier bin, desto mehr begeistert mich die musik, bowie, beatels, pink floyd, …

„ich entdecke immer mehr gute kneipen in der lower east side und east villiage. die ganze avenue A entlang und östlich davon immer wieder theater, kneipen, plattenläden, delis (was für delikatessen steht und so eine art 24-stunden mini-supermarkt ist den es in manhattan an jeder straßenecke gibt), …

ich kaufe mir einen bagel, ein großes rundes brötchen das mit käse, schinken, tomate, zwiebeln und vielen anderem mehr belegt werden kann und gehe nach westen, richtung greenwich villiage. auf der bowery, der fortsetzung der 3. und 4. avenue im süden, komme ich wieder am CBGB vorbei, einem traditionsreichen rock-laden in dessen gallerie gerade chris carter, ein wunderschöner langhaariger junge lieder zur akustischen gitarre singt.

zwischen der 1. avenue und broadway nimmt dann die kneipendichte etwas ab um im zentrum des villiage, der bleeker street auf der höhe des washington square wieder zuzunehmen. aber die läden werden hier auch touristischer, poster, postkarten und andenkenläden nehmen zu.

ich gehe nach süden und überquere die houston street. south of houston (SoHo) ist noch etwas nobler. galerieen, teuere und chique restaurants, weniger „szene-kneipen“ wie in east villiage, mehr yuppie town.

soho ist nicht besonders groß und so komme ich schnell nach little italy und chinatown. hier sind die meisten rolläden heruntergezogen aber alles sieht eher danach aus, als ob hier auch tagsüber hauptsächlich touristshops geöffnet sind.

ich laufe zurück in richtung west villiage/chelsa, der gegend mit dem ausgeprägtesten gay-night-life. im stonewall ist wenig los, gegenüber im monsters dafür umso mehr. aber auch wenn der laden ziemlich crowdy ist und wenn die leute auch nicht so standard-einheitsgays sind wie bei uns, so sind die meisten doch kurzhaarig-chique. ich sehe keinen einzigen langhaarigen, niemanden, der auch nur den hauch von alternativität ausstrahlt.

ich ziehe weiter nach chelsa, das hell im „meat-packing district“ ist, wie auch der boiler room, dick’s bar und die wonderbar in east villiage mehr ein club mit gay’s, die gerade von der wallstreet gekommen sein könnten.

the lure ist eine leder- und sm-kneipe in den alten hafenlagerhallen von chelsa. käfige bestimmen die atmosphere, ledermänner stehen herum und schauen ausdruckslos in den raum.

im splash ist auch disco aber ich habe wenig lust nochmal 6 $ auszugeben für dieselbe enttäuschung wie im monsters. das king ist umsonst und leer, vergeblich bemühen sich strippende muskelmänner aufmerksamkeit zu erheischen.

ich gehe nochmal zurück zum monsters am stonewall plaza. eine der nebenstrassen hier heißt sogar gay street. jetzt entdecke ich auch hier strippende muskelpakete die als gogoboys die masse auf der tanzfläche anheizen sollen. hier sind zwar viel mehr gays als im kings, mehr beachtung bekommen die stripper hier allerdings auch nicht.

sie sind wohl standard für eine new yorker gay disco. mittlerweile ist es zwar voller geworden, aber es sind immer noch dieselben kurzhaar-typen und so bleibe ich nicht lange.

ich denke, ich habe erstmal genug von manhattan, wenn in den nächsten tagen mal die sonne scheint will ich noch auf das world trade center und zu statue of liberty. ansonsten will ich mir in den nächsten tagen eher noch andere stadtteile ansehen.

von manhattan bleibt erstmal der eindruck des ruhigeren chelsa mit galerien und ateliers, eines von schwulen- und lesben bestimmten west villiage und des alternativeren lower east side und east villiage.

es ist montag und tatsächlich scheint die sonne. ich mache mich gleich nach dem aufstehen auf den weg zum world trade center. um diese frühe zeit, zwischen 9 und 10 ist die u-bahn tatsächlich ziemlich voll. rush hour. im world trade center erstmal eine ewig lange schlange. nach einer halben stunde habe ich endliche mein ticket  und fahre die 107 etagen hoch zum „top of the world“. ich liebe ja solche aussichtspunkte, türme, etc. auch das world trade center enttäuscht mich nicht. ein herausragender blick über manhattan, queens, brooklyn und die buch bis zum offenen atlantik, staten island und new yersey.

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ich mache ein foto nach dem anderen, doch plötzlich will meine kamera nicht mehr. nach einem objektivwechsel funktioniert der auslöser nach dem spannen nicht mehr und so verbinge ich den nachmittag damit, eine reperaturmöglichkeit zu suchen.

nikon im rockefeller-center gibt es leider nicht mehr, aber dafür schaue ich mir das rockefeller-center an. ein komplex von einem halben dutzend hochhäusern zwischen der 5. und 6. avenue von der 47. bis zur 51. strasse. wie beim world trade center liegt unter dem komplex ein riesiges unterirdisches einkaufszentrum mit allen möglichen läden, post und subway-station. in einem innenhof gibt es eine eislauffläche.

auch hier sind verschiedenste kunstwerke in das zentrum integriert, in den skycrapern des centers arbeiten 65.000 menschen. in einem fotoladen bekomme ich die adresse von „professional camera repair“ einige blocks weiter.

dort muß ich beim pförtner meinen pass auf eine kamera legen, dann fährt mich der aufzugsführer in die 9. etage zu der firma. dort eröffnet mir eine angestellte, die reperatur meiner kamera würde eine woche dauern und ca. 140 $ kosten. gerade doppelt soviel habe ich für sie bezahlt. ich verzichte.

relativ frustriert trinke ich im nächstbesten mc donals eine große sprite und überlege was ich tun kann. nikon soll nach long island gezogen sein. soll ich da hinfahren? oder eine neue camera kaufen? der gedanke meinen restlichen usa-trip ohne fotos zu verbringen frustiert mich.

ich klappere einige fotoläden ab. im photograph-district von chelsa sehe ich eine FE 2 für 200 $ „as it is“. wenn die funktioniert ist das angebot günstig, aber eben auch ein fast 400 mark risiko.

hier in chelsa sind die foto-läden professioneller als die touristenläden auf der 5. avenue. hier gibt es auch second hand cameras, die filme werden in kühlschränken aufbewahrt und bei den camera-traders auf der 17. strasse bekomme ich die adresse einer weiteren kamera-werkstatt in chelsa, „best photo service, christopher loo, 121 west 30. street“. dort lasse ich meine kamera für 10 $ checken und habe etwas hoffnung, das ich doch noch zu einer günstigen reperatur komme.

ziemlich fertig von den anstrengenden letzten tagen und vom frust mit der kamera fahre ich heute schon um 17 uhr zurück in die jugendherberge, schreibe und relaxe erstmal ein paar stunden.

mein anfängliches urteil über die jugendherberge muß ich auch etwas revidieren. klar, die waschräume sind nicht so toll, aber in nordseehäfen habe ich schon weitaus schlimmeres erlebt. das zimmer ist vor allem deshalb nervig, weil es ein 12-bett zimmer ist. besser hätte ich 3 $ mehr pro tag für ein 4-bett zimmer ausgegeben.

aber hier in den gemeinschaftsräumen fühle ich mich doch relativ wohl und zuhause – auch wenn der kaffee und das essen für eine jugendherberge zu teuer sind. im cafe auf der lobby-ebene stehen vier gemütliche sofas und die ganze zeit läuft eine klassiksender. in der bibliothek steht ein schreibtisch, an dem ich mich jetzt schon öfter ausgebreitet habe und ein kostenloser internetzugang.

am dienstag morgen erfahre ich dann, dass die reperatur meiner kamera 110 $ kosten wird. da ich wenig alternativen habe lasse ich sie reparieren aber fertig wird sie erst morgen abend sein. so fahre ich ohne kamera zur statue of liberty.

das ist schade, denn immer noch hält sich das warme, sonnige wetter. auf liberty island genieße ich den blick auf das sonnenbestrahlte manhattan und reihe mich dann in die schlange zum aufstieg in die statue ein.

eine halbe stunde dauert es, bis ich überhaupt in das monument hineinkomme. auch hier, wie in sehr vielen gebäuden in manhattan sicherheitsschranken wie am flughafen, metalldetektoren, röntgengeräte für taschen und jacken, etc.

im monument kann ich dann mit einem aufzug auf den sockel fahren, auf dem die statue steht oder die ca. 350 stufen zur krone hinauflaufen. ich reihe mich wieder in die schlange zur krone ein aber diesmal geht es viel langsamer nach vorne bzw. stufe für stufe nach oben.

in der krone merke ich dann auch warum, ein raum, kleiner als unser badezimmer mit kleinen fenstern in den löchern der krone. aber ich war drin, in der krone der statue of liberty und das zählt, rede ich mir ein.

als ich wieder in manhattan ankomme ist es schon halb fünf. spontan nehme ich die fähre nach staten island um die insel nochmal ein wenig im hellen zu sehen. ich fahre mit bussen über die insel, die schon relativ ländlich ist. größere unbebaute flächen, keine hochhäuser, überiridische strom- und telefonleitungen, völlig anders als in manhattan.

ich fahre mit dem S 53 bus in der abenddämmerung über die verranzano narrows bridge nach brooklyn. die riesige brücke ist sozusagen das tor vom atlantik in die von verranzano narrows entdeckte bucht von manhattan an der mündung des hudson river. auf zwei etagen übereinander fahren die autos über die brücke und auf der anderen seite der bin ich in brooklyn.

hier im ortsteil fort hamilton sind die strom- und telefonleitungen wieder unter der erde verlegt und die bebauung ist wieder dichter. haus an haus aber mit kleinen treppen zu den eingängen der oberen wohnungen und getrennten türen für die unteren. überhaupt sieht es hier (im südwesten von brooklyn) so ähnlich wie in holländischen städten aus. der B 64 bus bringt mich durch die ordentlichen wohngegenden dyker heights, bath beach und grovesend nach coney island.

es ist jetzt richtig dunkel. ich sitze auf dem pier, der auch an der belgischen nordseeküste stehen könnte und fühle mich zuhause. es ist ja auch dasselbe meer, auf dem ich sonst segele. nur eben viereinhalbtausend meilen westlich davon. die wellen brechen leicht am sandstrand und ich schaue hinaus auf den offenen atlantik. nur die sirenen irgendwelcher autos und hin und wieder, wenn ich meinen wieder dem land zuwende, die wohnhochhäuser erinnern mich daran, in new york city zu sein. und zwischen den häusern sehe ich in der ferne sogar das erleuchtete empire state building.

am strand liegt ein vergnügungspark mit achterbahn und riesenrad. sieht alles schon etwas älter aus und gewinnt so einen besonderen charme.

über mir kreisen ständig flugzeuge die wohl auf einem der drei großen flughäfen der stadt landen wollen. die zeichen der metropole sind also unverkennbar, aber das tiefe dunkel des horizonts des offenen atlantiks ist stärker und das geräusch der brechenden wellen übertönt allen lärm der stadt. irgendwann will ich hierher segeln.

zurück nach manhattan fahre ich mit der u-bahn linie B, die zunächst auf hochgelegten schienen an der stillwell avenue entlang fährt, die in french connection als schauplatz der u-bahn-auto verfolgungsjagt gedient hat.

die u-bahn fährt von brooklyn nach manhatten. über den east river geht es über die manhatten bridge die unterschiedliche spuren für fußgängerInnen, autos und die u-bahn hat.

in manhattan besuche ich noch den night court. strafgerichtsprozesse für in der nacht von der polizei festgenommene. das ganze wirkt auf mich ziemlich chaotisch, und das nicht nur, weil ich das englisch der richterin, der staatsanwältin und der anwälte kaum verstehe.

der gerichtssaal ist mehr ein grosses büro mit mehreren schreibtischen (büro der verteidiger, büro der staatsanwältin, polizei, …) mit computern und allem was dazugehört. während vorne verhandelt wird quatschen alle möglichen leute rum, besprechen verteidiger irgendwas untereinander oder die staatsanwältin mit ihren mitarbeitern.

rechts ist ein tisch mit drei bis vier bullen die immer eine handvoll angeklagter in aus einem zellentrakt hinter dem saal hereinholen, die dann hinten in einer ecke auf ihren kurzprozeß warten. die verteidiger lernen ihre klienten erst kurz vor der verhandlung kennen. rechts gibt es extra zwei glaskäfige in denen verteidiger und angeklagte miteinander reden koennen.

die bullen an ihrem tisch quatschen die ganze zeit wie in einem pausenraum. während einer verhandlung handeln vor allem staatsanwältin, verteidiger und richterin die sache aus. die angeklagten sagen fast nie was und werden auch fast nie irgendwas gefragt. die meisten werden zu geldbußen um die 100 $ verurteilt.

ganz wenige freigesprochen und wenige werden zurueck in den zellentrakt geführt. ständig laufen hier leute rein und raus, unterhalten sich, machen lärm während vorne richterin, staatsanwältin und anwalt das strafmaß aushandeln.

„schuldig“ in ihrem sinne sind hier wohl alle, die frage ist nur wie hoch die strafe sein soll. die meisten bekommen eine geldstrafe plus einer bewährungszeit. nur wenige werden zurück in den zellentrakt geführt.

etwa 80 % der angeklagten sind schwarze, 90% sind männer. ihre anwälte, staatsanwältin und richterin sind weiß. nur einige der polizisten, die hier in massen und teilweise ohne erkennbaren grund herumlaufen, sich auch schwarze.

leider verstehe ich die meisten delikte nicht, die den angeklagten hier vorgeworfen werden. aber die frage ist, ob das überhaupt jemanden interessiert. alle arbeiten vor sich hin in diesem mehr oder weniger zum büro gewordenen gerichtssaal. mehrere pc’s und schreibtische füllen den raum aus.

während vorne richterin, staatsanwältin und anwalt irgendwas aushandeln unterhalten sich gleichzeitig fünf bis zehn andere leute über andere fälle. ein gerichtsbeamter läßt irgendwelche formulare unterschreiben, andere klären noch etwas mit dem büro der verteidiger.

anwälte scheinen hier mehr übersetzer zwischen angeklagten und richterin zu sein, denn in den meisten fällen sage die angeklagten kein wort. ausserdem erklären die anwälte den angeklagten, was sie zu unterschreiben haben und was sie sonst noch tun müssen. nach eineinhalb stunden in denen etwa ein dutzend fälle verhandelt wurden mache ich mich auf den weg nach hause.

am mittwoch morgen, immer noch strahlende sonne über new york city, fahre ich zum ersten mal die amsterdam avenue nach norden hinauf. auch hier bleibt das geschäftige treiben auf der straße, unzählige delis und andere läden am strassenrand.

dann taucht auf der linken seite die columbia university auf. vor dem eingang steht ein eigener sicherheitsdienst aber niemand der oder die hier reingeht wird kontrolliert.

im gegensatz zur university of new york im villiage, wo ich keinen richtigen campus entdecken konnte, ist die columbia university eine richtige kleine stadt zwischen der upper west side und haarlem. es fällt mir allerdings etwas schwer, mich zurecht zu finden. die wenigsten gebäude auf dem lageplan haben klare bezeichnungen wie „philosophy“, „mathematics“ oder „butler library“. die meisten haben namen wie „lehmann“, „barnard“ oder „havemeyer“, die mir wenig sagen.

in die meisten bibliotheken käme ich nur mit ausweis und in der cafeteria ist der kaffee nicht billiger als anderswo. aber der campus hat schon eine eigene atmosphere, gerade jetzt in der sonne, wo, trotzdem es noch relativ kalt ist, viele studis draußen sitzen, zum beispiel auf der großen treppe vor der „low memorial library“.

in den gebäuden stehen „columbia net“ terminals. hier kann ich  frei im internet surfen und studis mit einem account der uni können ihre emails checken. studis, die noch keinen account haben, können den online erstellen. ich gehe noch in einer kleinen mensa essen. bezahlt werden 29 cent pro unze, so dass ein teller lasange 4 $ kostet.

ich laufe wieder hinunter zur amsterdam avenue und noch etwas weiter zum mornigside drive. östlich des mornigside drives bildet der mornigside park einen steilen hang nach unten und so habe ich hier einen guten blick über haarlem.

ich fahre mit dem bus nach harlem hinein. im bus und auf den straßen sind jetzt nur noch wenige weiße aber sonst ist das geschäftige treiben auf der straße hier wenig anders als in der upper west side. ich fahre bis zum riverside state park, einer großen in den hudson river gebauten parkanlage, wo ich in den bx 19 umsteige um in die bronx zu fahren. der fahrer fragt mich, ob ich denn wirklich in die bronx wolle, ist aber sonst sehr freundlich und meint, die fahrt bis zu meiner zielhaltestelle dauere etwa eine stunde.

damit wird mein zeitplan enger, da ich ja bis 18 uhr meine kamera abholen muß, aber ich fahre trotzdem los. auch in der bronx, wo der bus zunächst durch „mott haven“ fährt fahren fast nur scharze mit. an der kreuzung 150. strasse / 3. avenue steige ich aus, stöbere in einem laden, der auch „urban“ heißen könnte und schaue mich ein wenig um.

besonders „gefährlich“ finde ich es hier auf jeden fall nicht. eigentlich bin ich ausgestiegen, um wegen der fortgeschrittenen zeit doch mit der subway nach queens ins museeum of the motion picture zu fahren. ich steige in den zug, der schon bald über der erde weiterfährt, was mich erstmal nicht weiter wundert. der zug fährt immer weiter durch wohngebiete der bronx bis ich merke, dass ich immer weiter in die bronx hineinfahre.

am ende bin ich doch da, wo ich eigentlich mit dem bus hinwollte, am west farm square in tremont nehme ich den bus q 44 richtung queens.

der bus fährt über die bronx-whitestone bridge, wo die autos, wie auf den meisten brücken, zoll zahlen müssen. im buspreis ist das überqueren der brücke mit freiem blick auf die skyline von manhattan im fahrpreis inbegriffen.

hier im norden von queens im ortsteil college point sind die straßen zunächst wieder von einfamilienhäusern, kleinen villen und überirdischen stromleitungen bestimmt. im ortsteil flushing ändert sich das bild dann zu gepflegten wohngebietenmit größeren mehrfamilienhäusern.

flushing ist eine art zentrum wo sich viele buslinien, der new york subway und die long island railroads kreuzen und einige kaufhäuser und andere einkaufsmöglichkeiten zu finden sind. in einem 99-cent-laden finde ich einige presente für meine wg – all american toys made in china.

da es schon kurz von fünf ist wird es nix mehr mit dem museum und ich nehme die subway 7 zurück nach manhattan. sie fährt durch queens wieder über der erde duch unterschiedliche wohngebiete, immer weiter auf die in der ferne schon erkennbare skyline von midtown manhattan zu. dabei fährt sie die meiste zeit über die roosevelt avenue. in sunnyside wechselt sie auf den queens boulevard und von der station 33. straße habe ich einen herausragenden blick auf die midtown. das empire state building und die anderen skyscraper sind jetzt schon erheblich näher gerückt und bald danach verschwindet der zug auch unter den erde um mich unter dem east river her zum time square zu bringen.

ich werde dann doch etwas hektisch, da ich noch die 100 $ für die kamerareperatur brauche weil der laden kein kreditkarten akzeptiert. aber cash mit der visacard an einem chase-geldautomaten funktioniert erfreulicherweise genausogut wie andere kreditkartenoperationen und so schaffe ich es um zehn von sechs beim „christopher loo best foto service“ zu sein und meine instandgesetzte kamera in empfang zu nehmen.

damit fahre ich gleich nochmal zurück zur 33. straße in queens um die skyline von manhattan zu fotografieren. sie liegt nun schon im dunkeln was aber interessanter aussieht.

von dort fahre ich mit verschiedenen subway-linien, immer wieder in weit verzweigten subway-stationen umsteigend, in die lower east side um meinen letzten abend in new york nochmal in meiner lieblingskneipe, den standard notions, 161 ludlow zu verbringen. in dieser straße, in der auch das nada-theater ist, gibt es mehrere nette kneipen. ich glaube, wenn ich in new york leben würde, würde ich gerne in dieser gegend leben.

weil heute mein letzter abend ist speise ich nobel, penne in vodka-sahne-sose. heute läuft goldfinger lautlos auf dem monitor zu musik von den talking heads.

insgesamt war new york city für mich schon spannend aber nicht der totale kick. ich weiß auch nicht genau, was ich erwartet habe. schließlich liebe ich große städte und new york city ist die größte stadt, die ich bisher in meinem leben gesehen habe.

die touristischen und geschäftlichen zentren, midtown und downtown manhattan sind, abgesehen von den aussichtsplattformen von empire state building und world trade center, eher unspannend, wenn ich zu oft in ihnen herumlaufe sogar abtörnend. interessant ist vor allem die kulturelle mitte: chelsa mit den neueren gallerien und ateliers, west villiage mit der schwulenszene, east villiage und die lower east side mit alternativen off-off-broadway theatern, szenekneipen und dem anthology film archiv.

schön ist auch der nahegelegene mit der subway zu erreichende atlantikstrand coney island und der insulane charakter von staten island.

vielleicht gitb es in brooklyn, queens oder der bronx noch etwas spannendes, was ich in den siebeneinhalb tagen in dieser stadt noch nicht gefunden habe.

ich könnte mir schon vorstellen hier eine zeitlang zu leben, wenn ich mal besser englisch spreche und verstehe, aber ich muß es nicht unbedingt.

ich nehme nochmal den 1. avenue bus um nach hause zu fahren und steige am un-gebäude um. die busse fahren mich nochmal durch das nächtliche manhattan, über die von laternen, leuchtreklamen, autos und unzähligen yellow cabs erleuchteten straßen zurück in die upper west side.

ich versuche nochmals, ohne erfolg, ins internet zu kommen. vorgestern wurde auf dem pc in der bibliothek windows neu installiert, ich weiß nicht warum, und seitdem komme ich keine dial-ub-verbindung mehr weil ich weder die telefonummer noch benutzer-id und passwort des providers kenne.

am donnerstag morgen stehe ich schon früh auf, um noch zu einer demo um 8:30 auf der penn plaza zu kommen. der staat new york will alle hiv-positiven registrieren. ärztInnen sollen gezwungen werden, positive testergebnisse zu melden. dagegen demonstriert „act up“.

ich fahre mit der u-bahn bis zum pennsylvania station und wühle mich durch den endlosen unterirdischen bahnhof zur penn plaza. jetzt entdecke ich, was eine amerikanische demo ist. zwei dutzend act up aktivistInnen laufen mit schildern auf dem gehsteig im kreis und verteilen flugblätter an die passantInnen.

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ich mache ein paar fotos und fahre mit dem bus zurück in die jugendherberge, hole mein gepäck und mache mich auf den weg richtung john-f.-kennedy-airport.

am rockaway boulevard in queens steige ich aus um mit dem bus nochmal an den rockaway beach zu fahren. verwöhnt vom 4 bis 6 minutentakt der busse in manhattan muß ich hier feststellen, das es in new york city auch busse gibt, die nur alle 72 minuten fahren. der nächste bus fährt erst in einer dreiviertelstunde.

so kann ich die umgebung der rockaway boulevard station in aller ruhe ansehen. alles wirkt hier schon fast provinziell, überhaupt nicht mehr städtisch, obwohl es immer noch zu new york city gehört. kleinere läden, eine taxistation, bushaltepunkte und die subway station bestimmen die wegkreuzung und schon wenige 100 m von ihr entfernt gibt es nur noch wohnhäuser.

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hier in ocean park bestimmen wieder einfamilienhäuser das bild. die türme des world trade centers sind in der ferne kaum noch zu erkennen.

der bus bringt mich schließlich zum atlantik nach rockaway park. hier sieht es wirklich aus wie an der nordsee. ein paar klamottenläden, imbiß-buden und ein langer weißer sandstrand. die sonne scheint und wenn der kalte wind nicht wäre, könnte ich denken es wäre sommer.

98-0083

ich lege mich mit der lederjacke in den sand und schaue hinaus auf den offenen atlantik. hier bin ich nun wirklich am meer. von ost über süd bis west nur die offene see. hier ist diese weite, die mich in europa an amerika und hier an europa denken läßt. hier kann ich nach westen schauen und weiß, das zwischen mir und europa nur noch wasser liegt. eine 10m-yacht und genügend proviant, und ich könnte dort hinsegeln.

ich schaue auf die brechenden wellen und würde, wenn das wasser nicht so kalt wäre, am liebsten schwimmen.

98-0080


thomas molck

Veröffentlicht26. März 1998 von xthomas in Kategorie "us new york city

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