August 7

zwischen party, demos und besetzten gebieten

die ersten tage von queeruption tel aviv sind geprägt von den unterschiedlichsten eindrücken. nach den workshops am freitag zur geschichte palestinas und israel gab es dann später am abend eine queer-party, samstag eine tour nach ost-jerusalem und in die westbank, am abend eine antikriegsdemo in tel aviv und später eine queer visibility aktion auf einer gay-beach-party. sonntag dann der paletina-tag: workshops mit schwulen und lesbischen palestinensern, film und eine palestinian-queer-party am abend.

so waren die tage waren geprägt von harten kontrasten. ausgelassene partys mit vielen mehr oder weniger gestylten drag queens und kings am abend und konfrontrationen mit der wirklichkeit des nahen ostens am tage.

am samstags sind wir mit etwa 60 leuten nach jerusalem gefahren, wo eine frau vom israeli committee against house demolitions uns einen einblick in das leben in besetzten gebieten gab. unser bus brachte uns zunächst nach ost-jerusalem. hier sehen wir die ersten israelischen siedlungen auf palestinensichen gebiet.

siedlungen, das klang für mich zuhause immer so, als wenn israelis in der wüste häuser bauen um dort zu leben. hier sehe ich, dass die wirklichkeit etwas anders aussieht. die basis für die israelischen ’siedlungen‘ bildet hier zunächst die zerstörung von häusern, in denen palestinenser wohnen.

dabei bekommen palestinenserInnen in den seltesten fällen baugenehmigungen obwohl ihr bevölkerungsanteil in ost -jerusalem ständig steigt. auf den unbebauten hügel jabal abu ghaneim, mitten in palestinensischen wohngebieten, war es z.b. bis 1999 aus ökologischen gründen verboten zu bauen. 1999 wurde es zu einer israelischen siedlung in der heute 2000 israelis leben.

ost-jerusalem ist ein gebiet mit besonderem status, da es eigentlich ein teil des palestina verbliebenen gebietes ist. durch die mauer, israel in die besetzten gebiete gebaut hat, hat es aber auch ost-jerusalem von vielen palestinensischen wohngebieten rund um jerusalem abgetrennt. an einer stelle ‚besichtigen‘ wir die mauer, was zunächst an frühere besuche der berliner mauer erinnert.

aber schnell wird mir klar, das dies etwas anderes ist. an einer stelle ist eine lücke in der mauer, bewacht von zwei israelischen soldatInnen. zunächst ist es kein problem für uns, hindurchzugehen, bis zwei weitere soldaten kommen und uns wieder hinausschicken. diese mauer ist für alle, die mit gewalttätigen absichten nach israel kommen sicher kein hinderniss.

aber sie ist ein hinderniss für ganz normale palestinenserInnen, die rund um jerusalem wohnen. für sie war jerusalem früher der bezugspunkt zum einkaufen, besuch von krankenhäusern etc. die mauer schneidet sie ab von dieser infrastruktur. ost-jerusalem ist für sie nur noch über checkpoints erreichbar, oft mit stundenlangen wartezeiten und willkührlichen verweigerungen, den checkpoint zu passieren. es gibt keine klare rechtslage, da die armee aufgrund interner befehle entscheidet, wie dicht die grenze ist.

und die mauer ist nirgendwo entlang der eigentlichen grenze, die als die neue grenze palestinas festgelegt wurde. vielmehr reicht sie weit in palestinensiches gebiet hinein und trennt auch ausserhalb jerusalems in der westbank und in gaza streifen etliche palestinenserInnen von handelsplätzen, medizinischer versorgung oder sogar ihren eigenen feldern:
karte der mauer um die westbank

aber auch hinter der mauer sind die palestinenser mitnichten ‚autonom‘. vielmehr ist auch dort das gebiet streng aufgeteilt in zonen und um sich zwischen den zonen zu bewegen, brauchen palestinenserInnen spezielle militärische genehmigungen die auch einfach ohne grund verweigert werden können.

dazu sind die strassen, die palestinenserInnen nutzen dürfen, auch hinter der mauer mit festen und mobilen checkpoints abgeriegelt. ganz anders als die autobahnen mit denen die israelischen siedler exklusiv ihre siedlungen erreichen, die palestinenserInnen nicht benutzen dürfen. dadurch erreichen sie auch innerhalb der westbank nur schwer andere orte um dort zu handeln, zu arbeiten oder auch ärzte und krankenhäuser zu besuchen.

so entsteht in den besetzten gebieten tatsächlich eine apartheit in der paletinenserInnen kaum leben können und israelische siedler einen herausragenden lebensstandard haben. das sehen wir live in der siedlung E 1, die wir uns in der westbank ansehen. auf illegal angeeignetem land wurden hier 40.000 israelis angesiedelt mit großem einkaufszentrum, schwimmbädern, schulen nur 10 minuten von jerusalem entfernt.

dabei liegt E1 im herzen der westbank und da das ganze gebiet ebenfalls mit einem zaun von den palestinenserInnen abgeriegelt wird macht es einen selbstständigen palestinensischen staat noch mehr unmöglich.

die karte der westbank, aufgeteilt nach den gebieten in denen palestinenserInnen leben dürfen und anderen, sieht aus wie ein flickenteppich, auf dem 25% durch israelische siedlungen, verbunden mit autobahnen nur für israels bedeckt sind und große gebiete durch die israelische armee kontrolliert werden:
icahd karte der besetzten gebiete

deutlicher wird die verzeifelte lage der palestinenserInnen im film „Avango one of my eyes“ den wir am sonntag gemeinsam mit dem regisseur ansehen. der film kommt ohne kommentar und interviews aus und stellt einfach nur dokumentarische aufnahmen nebeneinander. zum beispiel palestinenser die an einem checkpoint von israelischen soldaten festgehalten werden. einer von ihnen muss auf anweisung eines soldaten auf einem stein stehen. oder eine familie die eine frau und ein kind ins krankenhaus bringen will und denen sich ein panzer entgegenstellt aus dem immer wieder ein monotones „go away“ ertönt. als schließlich von der anderen seite krankenwagen dazukommen werden auch diese wieder vertrieben. andere palestinenserInnen stehen auf dem weg nach hause an einem checkpoint der um 12 uhr geöffnet werden soll, aber die anwesenden soldaten machen keine anstalten, ihn zu öffnen. eine begründung gibt es weder für die palestinenserInnen, noch für den filmemacher.

das die ihnen verbleibenden gebiete aus paletinensischer sicht eher wie ein gefängnis wirken als wie ein potentieller eigener staat ist mehr als nachvollziehbar. und damit wird eine tiefere ursache des aktuellen ’nahost konflikts‘ deutlich, die mit militärischen mitteln sicher nicht lösbar ist.

was aber auch in dem film deutlich wird, ist wie wenig eine friedliche lösung das ziel der israelischen politik ist. der film zeigt zum beispiel, wie in einer israelichen grundschule der erste selbstmordattentäter in der bibel, samson der mit seinem tod auch etliche seiner feinde mit in den tod reisst, als held verehrt wird.

nach der tour in die westbank beteiligen wir uns am samstag abend an einer demo gegen den krieg. auch eine spannende erfahrung. die demo selbst ist unseren antikriegsdemons in deutschland sehr ähnlich. eine gut organisierte kommunistische partei mit fahnen und internationalen transparenten, verschiedene andere politische gruppen und ein pink- schwarzer block. na gut, in deutschland ist der leider meistens nicht so pink und queer 🙂

was anders ist als in deutschland, ist die agression die der demo engegenschlägt. israelis die von balkonen wasser auf die demonstranten schütten und anderen die am strassenrand rufen, man sollte uns doch am besten zusammen mit den arabern umbringen. am ende gibt es kleine auseinandersetzungen mit der polizei nicht nur mit den demonstrantInnen die die strasse nicht freimachen wollen, sondern auf der anderen seite auch mit aufgebrachten gegendemonstranten.

und dann am späten abend wieder das kontrastprogramm. mit einer kleinen gruppe ziehen wir zu einer mainstream gayparty am strand. dj der party ist lustigerweise eliot, eine der mitbegründerInnen von queeruption vorjahren die ich bei queeruption IV, 2002 in london kennengelernt habe.

queer visibility ist unser ziel auf dieser party, aber eine besondere aufmerksamkeit erregen wir dann doch nur bei wenigen. trotzdem ist es auch eine erfahrung, wie einfach es auch für schwule, hier in tel aviv im partyleben das besatzungsregime und den krieg auszublenden.

abschließen springen wir um mitternacht nochmal ins meer und kehren zurück in den süden der stadt zum club, in dem queeruption stattfindet.

hier ist der sonntag der „palestinian day“. nach einem bauchtanz-workshop berichten am nachmittag schwule und lesbische palestinenser von ihrem leben als minderheit in der minderheit.

zum einen ist es schwer für sie, in ihr leben in einer eher konservativ geprägten palestinensischen gesellschaft zu leben, in der im normalfall immer noch ein mann sich eine frau aussucht, dann bei ihren eltern um ihre hand anhält und die eltern entscheiden, ob die frau ihn heiratet.

zum anderen sind sie aber auch in der israelischen schwulen- und lesbenszene oft nicht akzeptiert. auch hier wirkt die apartheit fort, wenn zum beispiel ein israelischer mann sich auf einen palestinenser einlässt, aber meint das müsse ja sonst niemand wissen.

nach dem schon erwähnten film gibt es dann eine „palestinensische party“ mit einer kleinen performance und etwas anderer musik als am freitag.



thomas molck

Veröffentlicht7. August 2006 von xthomas in Kategorie "il tel aviv

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