August 14

venedig

mein zweiter besuch in venedig, diesmal zur zeit und im zeichen der 56. biennale, der vor 120 jahren ins leben gerufenen internationalen kunstausstellung in der stadt an der lagune. so stehen die tage vor allem im zeichen moderner kunst und etwas sightseeing am canale grande und auf den beiden türmen im zentrum der stadt.

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alle bilder aus venedig bei flickr

mit dem thello nachtzug von paris nach venedig komme ich entspannt am sonntagmorgen am bahnhof santa lucia an. da ich ein hostel auf der insel giudecca gebucht habe, war mir bereits klar, das ich ein wochenticket für die vaporetti, die wasserbusse, für 60 euro brauche. klingt teuer, aber bei 7,50 euro für eine wären einzelfahrkarten sicher teurer. bei meinem letzten besuch 2002 habe ich mir nur einen „boot-fahr-tag“ geleistet, aber da hatte ich auch eine unterkunft auf der hauptinsel in cannaregio.

das vaporetto der line 2 fährt über die piazzale roma, dem platz, auf dem autos und busse die über den damm vom festland nach venedig ansteuern ankommen. für beide ist hier endstation, für die autos gibt es ein kleines parkhaus, ein größeres befindet sich auf dem nuevo isola del tranchetto, ganz im norden venedigs, das die linie 2 als nächstes ansteuert. die parkhausinsel ist so groß wie der ganze hafen von venedig, aus dem fähren nach griechenland und an die ganze adria-küste italiens starten.

durch den canale della giudecca geht es weiter auf die insel im westen der stadt wo ich im sunny terrace hotel vier nächte gebucht habe. wie bei meinem besuch 2002 handelt es sich um ein studentenwohnheim, das im sommer zum hostel wird. entsprechend geräumig und angenehm sind die zimmer. und auf dem dach gibt es tatsächlich eine sonnige terrasse mit tollem blick auf die stadt. die zeit bis zum checkin am mittag nutze ich um meine bilder vom letzten tag in paris hochzuladen und weiter am im nachtzug begonnenen blogeintrag zu schreiben.

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giudecca ist eine ruhige insel mit wenig touristen, zwei kleinen supermärkten und einer handvoll restaurants. direkt neben dem hostel am campo junghans ist die accademia teatrale veneta und in der nähe auch eine kunsthochschule. insgesamt eine nette umgebung 😉

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von hier aus starte ich die erneute erkundung der stadt, indem ich mit der vaporetto linie 2 weiter nach süden, am markusplatz vorbei bis zu den giardini wo die meisten pavillions der biennale residieren. die ausstellung schließt gerade und ich laufe am wasser entlang auf die kleine insel s. elena im süden der stadt. hier bin ich schon sehr nahm am lido auf der langezogenen insel vor der lagung mit den stränden an der adria.

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von hier aus nehme ich das vaporetto der linie 1 um einmal quer durch die stadt am canale grande entlang zurück bis zur piazzale roma zu fahren. eigentlich zeigt sich der canale grande auch vom wasser aus von seiner schönsten seite, besondern wenn die palazzi an der westlichen ufern in der warmen abendsonne erstrahlen.

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vom piazzale roma suche ich mir dann einen weg durch santa croce und dorsuduro nach süden. nachdem ich in dorsuduro im dunkeln dreimal im kreis gelaufen bin, merke ich, dass ich doch einen besseren stadtplan brauche als den kleinen „venedig-atlas“ in meinem reiseführer von 2002. vermutlich habe ich von damals auch noch einen guten stadtplan, habe aber nicht daran gedacht ihn einzupacken. ich versuche auch mich mit dem kompass meines smartphones zu orientieren, aber so richtig scheint der GPS-Kompass in den schmalen gassen nicht zu funktionieren.

am ende finde ich doch zur fondamenta zattere am canale della giudecca, wo es nach dem reiseführer von 2002 das al chioschetto geben soll, wo man einen abendtrunk mit livemusik geniessen könne. aber ebenso wie das da codroma an der ponte del soccorso, laut reiseführer „einer der angregensten Treffpunkte der Szene“ gibt es den laden wohl nichtmehr.

jetzt, wo ich dass gewirr von gassen und kanälen in dorsoduro eingermaßen durchschaue, laufe ich zurück zum campo de margherita und beende in der orange bar bei einem glas chardonney und lemonsoda den blogeintrag von paris.

am montag hat die biennale geschlossen und so fahre ich fort mit sightseeing. nur drei stationen mit dem vaporetto von giudecca-palanca liegt die kleine klosterinsel san giorgio maggiore. auf der insel liegt auch ein sehr idyllisch gelegener yachthafen mit herausragendem blick auf san marco auf der anderen seite des canals. hinter der kirche in einem kleinen garten steht das glas teehaus mondrian von hiroshi sugimoto, orientiert am japanischen kult des servierens des tee’s für gäste als perfomativ gestalteten akt.

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in der basilica di san giorgio maggiore gibt es auch einen kleinen teil der biennale, der austellung „together“ mit skulpturen die jaume plensa hier auf einladung der mönche des klosters ausstellt. köpfe geformt aus einem durchsichtigen weissen netz aus metall die in der großen halle der basilica hängen und weitere als weisse, fast leuchtende skulpturen in einem langen schwarzen raum.

überall in der stadt finden sich kleine „aussenposten“ mit kleinen einzelausstellungen, die die biennale in die stadt bringen.

nicht fehlen darf auf dieser insel eine fahrt auf den glockenturm der basilica mit einem großartigen blick auf alle inseln der stadt.

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nach dem ausgiebigen besucht der kleinen klosterinsel geht es dann weiter mit dem vaporetto auf die andere seite des canals, zum markusplatz. dem von touristen überlaufenen zentrum der stadt. am ufer des canale di san marco starten auch die gondeln, mit denen man für 80 euro eine halbe stunde im gondel-stau durch ein paar kleine kanäle gefahren wird.

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die sonne steht schon weit im osten, daher verschiebe ich den markusturm auf morgen und laufe lieber ein wenig zunächst über den riesigen markusplatz und dann kreuz und quer durch san marco. immer wieder durch kleine gassen und über kleine kanäle, manchmal auch mit einzelnen gondeln oder mit gondeln incl. gitarrenspieler und sänger.

südich der rialto brücke stoße ich wieder auf den canale grand und fahre nochmal ein stück mit dem vaporetto um im nordenosten nach cannaregio zu laufen. hier finde ich tatsächlich am rio della misericordia das paradiso perduto, nach dem reiseführer von 2002 „einer der In-Treffs für junge und junggebliebene Nachteulen“. allerding ist der laden so „in“, dass alle tische hier reserviert sind.

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die fondamenta della misericordia ist aber tatsächlich eine nette belebte strasse an dem kleinen kanal mit mehreren restaurants und romantischer stimmung im sonnenuntergang

über den campo del ghetto nuevo laufe ich durch den nach dem historischen jüdischen ghetto benannten stadtteil bis zur stazione ferroviaria santa lucia, dem bahnhof und nehme dort wieder ein vaporetto nach giudecca.

am dienstag geht es dann zuerst zum markusturm um nochmal fotos vom höchsten turm der stadt zu machen, solange die sonne im süden steht.

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aufmerksam geworden durch ein großes transparent am markusplatz mit der werbung für einen weiteren „aussenposten“ der biennale, der ausstellung „war paintings“ von jenny holzer geht es dann ins museum correr. auch wenn die ausstellung nur einen raum des – nach meiner erfahrung von 2002 ansonsten nicht so spannenden – museeums umfasst, brauche ich mindestens ein ticket für die sonderausstellung der kunst der neuen sachlichkeit in deutschland der 20er jahre. die ist dann doch wieder ganz interessant 😉

die „war paintings“ von jenny holzer sind vor auf leinwand gemalte kopien von beeindruckenden protokollen des U.S. Army’s Criminal Investigation Command (CID) über die misshandlung von gefangenen in afghanistan und im irak.

die nüchternen texte die aufgrund der malerischen reproduktion noch schwerer zu lesen sind gewinnen dadurch noch an impression, z.b.:

After my transfer to Kandahar, they put me naket i the room, throw stones at my leg, let the dogo loose and they put mechanical aparatus in my rectum
(Jenny Holzer: After my transfer, 2014, Öl auf Leinwand)

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danach geht es aber endlich durch den stadtteil castello zu fuss zum arsenale, einem der beiden hauptstandorte der biennale. die hallen liegen innerhalb des militärstützpunktes des arsenale, einer riesigen, unzugänglichen hafen- und werftanlage in der bereits im 14. jahrhundert zu kriegszeiten quasi fließbandmäßig 16.000 arbeiterInnen alle 12 stunden eine galeere produzierten.

schon vor dem eingang gibt es einen weiteren „aussenposten“ mit „The infinite nothing“ von tsang kin-wah aus hong kong. schwarz-weisse projektionen von grafischen strukturen und texten in dunklen lagerräumen. texte wie „time to kill“ oder „all have chaos in you“ fliessen weiss auf schwarz ineinander. der titel ist abgeleitet von nietsches verkündung des todes von gott:

Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir nicht den Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot!
(Nietsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, 125. Der tolle Mensch in: Nietsche, Friedrich: Werke in drei Bänden. Band 2, München 1954, S. 127)

im arsenale ist der größere teil der von okwui enwezor kuratierten zentralen ausstellung der 56. biennale 2015: „All the world’s futures“. in einem „Parlament der Formen“ soll die zeitgenössische globale realität „as one of constant realignment adjustment, recalibration, motility, and shape-shifting“ dargestellt werden (biennale propekt 2015, s. 3).

spannend finde ich, dass viele werke direkten bezug zu den alten lagerhallen nehmen und die mauern, den staubigen boden, fenster und säulen einbeziehen. eine lange mauer neben der halle ist von ibrahim mahama aus ghana mit jutesäcken u.a. verpackungsmaterialien zugehangen (Ibrahim Mahama: Out of Bounds, 2014-2015).

ein großer raum ist mit großen stoffbahnen ausgehangen die mit sand beschwert und bunt bemalt sind (Katharina Grosse: Untitled Trumpet, 2015). auch werden zusätzliche wände aufgestellt und dann von den werken wieder durchbrochen. und selbst da wo bilder, zeichnungen oder fotos nur an wänden hängen korrospondieren sie in gewisser weise mit rohen mauerwerk anderer wände und säulen. besonders bedrückend in einer serie keith calhoun und chandra mccormick „Slavery, The Prison Industrial Complex) mit bildern von us gefängnissen und arbeitseinsätzen der gefangenen. sónia gomes hingehen lässt bunte stoff-strukturen an den gemauerten säulen klettern vor dem hintergrund düsterer visionen von lorna simpson (Sónia Gomes und Lorna Simpson: Nightmare? und True Value, 2015).

mittendrin findet sich ein „Atlas of Harun Farocki’s Filmography“. für alle seiner filme ein bildschirm, wobei die digitalisierten auf dem bildschirm zu sehen sind während sie bei noch nicht digitalisierten nur schnee zeigen.

insgesamt beziehen viele der werke in „All the world’s futures“ auch politische standpunkte was mit gut gefällt. das setzt sich auch fort in einzelnen pavillions die es auch hier im arsenale schon gibt. etwa im pavillon von tuvalu der einfach aus drei großen wasserflächen besteht, „Crossing the Tide“, vor dem hintergrund des klimawandels und was höhere meeresstände, stärkere stürme und andere folgen für länder wie touvalu bedeuten.

besonders interessant ist auch der pavillion lettland, in dem in einem garagenmäßigen bretterverschlag auf diversen monitoren von garagen und menschen in garagen laufen. auf einem erhöhten sitz, auf dem immer zwei personen sitzen können, werden monitor in einer runden holzkonstruktion jeweils vor die betrachtenden mechanisch gedreht (Katrīna Neiburga, Andris Eglītis: ARMPIT 2015).

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am ende gibt es dann beim italienischen pavillion noch zwei riesige phoenix-figuren die in zwei docks des arsenals hängen (Xu Bing: The Phoenix, 2015). auch hier fügen sich die skulpturen optimal in die architektur des arsenals ein.

die zeit bis 18 uhr war wieder einmal zu knapp bemessen, als ich das arsenale verlasse und über die kleine insel s. pietro und die via garibaldi zurück zum canale del san marco laufe und mit dem vaporetto nach hause fahre.

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am mittwoch geht es dann auf direktem weg zu den giardini, dem ausstellungsgelände mit den meisten pavillions für das ich mir einen ganze tag zeit nehmen möchte.

schon die architektur der verschiedenen pavillions vermittelt einen bestimmten ästhetischen eindruck, ansprechend finde ich dabei vor allem die skandinavischen länder, kanada und ein wenig auch die black box australiens.

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das pure gegenteil ist der deutsche pavillion, der für diese biennale von den künstlern aber in eine fabrik umgewandelt wurde. der eingang ist zugemauert, über eine kleine seitentreppe gelangt man in eine eingezogene zweite etage mit bildern und zeitungen die sich u.a. mit flüchtlingen beschäftigen (Tobias Zielony: The Citizen, 2015). auf dem dach werden, nur schwer von unten zu erkennen, boomerangs gebaut (Olaf Nicolai: GIRO, 2015) und wenn man von oben wieder herunter geht kann man in liegestühlen den film von Hito Steyerl „Factory of the Sun“ (2015) ansehen, in dem man wie in einem videospiel durch realitäten geführt wird. ein flugblatt erinnert noch daran, dass die künstler*innen vom 16. bis zum 17. juli aus solidarität mit grieschenland über den monumentalen schriftzug „Germania“ oben auf dem pavillon eine grieschische flagge mit der aufschrift „GERMONEY“ aufgehangen haben.

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in jedem pavillion taucht man allerdings in eine neue realität ein. gleich nebenan im kanadischen pavillion  findet man sich zuerst in einer art „tante emma laden“ und der nächste raum ist überfüllt mit diversen kleinobjekten wie aufgebrauchte farbdosen, kleine figuren und allerlei schickschank.

der koreanische pavillion hingegen ist ganz geprägt von einer futuristischen videoinstallation eines menschen in einer art raumschiffe oder auch einer virtuellen realität. die bilder werden dabei sowohl im pavillion als auch auf den aussenwänden projeziert.

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so liesse sich der bericht über die reise durch die 29 länder-pavillons in den giardini der biennale fortsetzen. immer wieder eintauchen in eine neue athosphere, neue farben und formen in jedem pavillion und zusätzlich nochmal im zentralen pavillion, in dem sich im giadini die zentrale ausstellung der 56. biennale 2015: „All the world’s futures“ fortsetzt.

einen tag für diesen teil der ausstellung einzuplanen war auf keinen fall ein fehler, im grund würde ich gerne noch weiter die biennale erkunden, im arsenale und in den giardini aber auch die vielen „aussenposten“ wie z.b. den cubanischen pavillion auf der universitätsinsel s. lazzaro.

aber für dieses mal war es genug, ich laufe nochmal zur insel s. pietro und fahre mit dem vaporetto noch ein stück weiter zur nordseite des arsenale und von dort dann zurück nach giudecca. allzulange will ich heute nicht mehr unterwegs sein, da morgen früh mein zug nach neapel geht.



thomas molck

Veröffentlicht14. August 2015 von xthomas in Kategorie "it venedig