August 13

jerusalem, world pride aktion for pride and justice, westbank

mittwoch gibt es weitere workshops und abends fahren wir zu einer quelle im südwesten von jerusalem um dort am lagerfeuer zu essen, musik zu machen und zu schlafen. den donnerstag verbringen wir dann in jerusalem mit stadtrundgängen, workshops und unserer aktion zum world pride. und freitag folgt eine demo in der westbank.

zu der quelle in der nähe des zoos von jerusalems führt nur eine kleine unbefestigte sandstraße. wir fahren mit einem reisebus dorthin der mehrfach wild rangieren muss und einmal müssen sogar alle aussteigen damit er weiterkommt ohne am boden die karrosserie zu beschädigen.

an der quelle gibt es kleine pools in denen einige schwimmen gehen und wir machen ein lagerfeuer und backen darin kleine fladenbrote die dann mit gemüse und trina gefüllt werden.

später gibt es noch trommeln, holzgitarrenmusik und sozialpädagogische spiele 🙂 leider wird es in der nach hier oben, jerusalem liegt fast 800 meter über dem meer, recht kalt. dazu kommt, das erst eine gruppe betrunkener und später eine gruppe religiöser betrunkener juden herumgröhlt, so das ich keinen schlaf finde.

ohnehin stehen wir um 6 uhr morgens auf pünktlich zu unseren alternative stadtführungen durch jerusalem zu konmen. meine tour durch nahlaot beginnt im barbur center. avi, ein junger künstler aus jerusalem hat hier mit ein paar anderen in einem ehemaligen kindergarten eine galerie eröffnet, da es in jerusamlem fast keine galerien für moderne kunst gibt in denen künstlerInnen aus der stadt ausstellen können. die aktuelle ausstellung zeigt, als beitrag zum world pride, bilder die einen bezug zu queers, schwulen, lesben, bi- und transsexuellen haben.

ausgehend von der galerie führt uns ezra nawi, ein aus dem iran stammender israeli und einer der mitbegründer der gay community in jerusalem, durch nahlaot. nahlaot ist ein stadteil der zunächst vor allem von juden aus arabischen ländern bewohnt wurde. und noch heute ist er geprägt von ärmerer bevölkerung in einfachen häuser aber auch hier ist die gentrification im gang, wo reichere israelis große luxeriöse bauen und die ärmeren arabischen israelis immer mehr vertreiben.

von nahlaot laufen wir nach osten, richtung altstadt durch den independence park. ezra nawi berichtet von einem von südafrikanischen juden finanzierten projekt, einen bach mit fließendem wasser in den park zu bauen waser für eine totale verschwendung von wasser in dieser region der welt hält. aber das projekt ist auch nie soweit gekommen, dass das wasser fließt.

der park war und ist aber auch eine cusing area, berichtet ezra nawi der schon in den 70er jahren versucht hat, unkommerzielle schwule treffpunkte in jeruaslem aufzubauen.

vom independence park aus gehen wir zum daila. daila bedeuted sowas wie „ya basta“ oder „no pasaran“ und ist ein infoladen in jerusalem. im daila finden weitere workshops statt zu einer drag show in jerusalem, zum thema transgender und zu tierrechten.

aber ich bin müde und erschöpft und nachdem ich mich in einem sessel in einer ecke etwas ausgeruht habe starte ich eine kleine individuelle tour in die altstadt, durch das labyrinth von gassen mit unendlich vielen kleinen läden. teilweise sind diegassen komplette mit häusern überbaut so dass man gar keinen himmel sieht.

nachdem ich vom neuen tor aus die altstadt einmal durchquert habe komme ich zur klagemauer. auch hier ist, wie in der ganzen altstadt, relativ wenig betrieb weil in diesen zeiten wohl deutlich weniger touristInnen als sonst israel besuchen. lustigerweise treffe ich sogar nancy, die aus berlin zur queeruption gekommen ist, mitten in der altstadt.

später treffen wir uns wieder im daila um von dort zur demonstration auf dem world pride zu laufen. ursprünglich war sie tatsächlich als demo für die rechte von schwulen und lesben geplant, gerade in jerusalem als hochburg ultra-orthodoxer juden.

aber diese demo wurde nicht genehmigt und das jerusalem open house, das schwulen- und lesbenzentrum in jerusalem das den world pride veranstaltet, vereinbarte mit der polizei eine bizarre kundgebung: auf einem platz südlich des zentrums soll ein „Protest Against Hatred“ stattfinden. in einem flyer schreiben die organisatorInnen:

„We protest the waves of incitement against our community!
We protest the oppression and violence our community experiences!
We are continuing our just struggle for Human Rights!

We are not here to confront the police!

Let us stand, sing and hold Signs together, and communicate that we are here to stay!“

auf der queeruption haben wir eine aktion vorbereitet, um mit transparenten, flyern und parolen den zusammenhang der unterdrückung von schwulen und lesben, der apartheits-politik gegen die palestinenserInnen und dem krieg im libanon herzustellen:

„The World Pride has fallen victim to violence, both the homophobic incitementof ultra-orthodox leaders and the far right, and the Israeli armys agression in Lebanon and the occupied Palestinian territories. … We refuse to fall victim and compromise ourselves in the face of macho war fever. We refuse to be complicit in the murder of people in Lebanon and the occupied territories. We demand justice for everyone to live in pride and dignity, without the threat of bombings, apartheid wall, hatred, poverty and opression.“ (queeruption flyer „Pride and Justice“)

im kleinen park, in dem die demonstration stattfindet, erwartet und eine bunte mischung von menschen von gruppen die transparente hochhalten und an einer stelle, an der der park an eine große strasse angrenzt, von der polizei sogar vom bürgersteig dieser strasse ferngehalten werden.

wir stellen uns mit unseren transparenten auch an die strasse, bewegen uns mit unserem pink-schwarzen block entland der strasse durch den park und rufen anti-kriegs und anti-apartheits parolen.

nach einiger zeit sagt die polizei, dass verboten sei politische parolen zu rufen. aber niemand hört damit auf. daraufhin geht die polzei mehrfach mit schlagstöcken in die menge, das jerusalem open house distanziert sich von uns und am nächsten tag ist unter dem foto eines prügelnden polizisten in der jerusalem post zu lesen, dass eine gruppe von anachisten in den world pride eingebrochen wären um gegen den krieg zu protestieren.

einige werden auch festgenommen, aber am späten abend wieder frei gelassen. eine so heftige reaktion auf einen friedlichen protest im park hätte ich nicht erwartet. einen bericht über die aktion in hebräisch gab es am 11.8. auf der webseite www.yuet.co.il.

aber am freitag folgt eine sehr viel tiefgehendere erfahrung, eine demonstration in der westbank. ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt mitfahre, denn es war klar das diese demonstration auf massivere gewalt der israelischen armee und der polizei stoßen wird.

ich habe mich am ende dafür entschieden, weil ich nach alldem was ich bisher hier erfahren, erlebt und gesehen habe, wie israel eine neue apartheit gegen die palestinenserInnen aufbaut die nicht nur das leben der palestinenserInnen massiv einschränkt sondern letztendlich auch nicht im interesse der in israel lebenden juden sein kann, auch nochmal persönlich klar stellung beziehen will. und auch weil ich nach den vorbereitungstreffen den eindruck hatte, dass es möglich sein wird, sich aus gefährlichen situationen herauszuhalten und sich an sichere plätze zu begeben.

der hintergrund der aktion in bil’in, einem dorf an der mauer westlich von ramallah, ist es, hier eine ausweitung der illegalen israelischen siedlungen zu verhindern und gegen die apartheits-politik zu demonstrieren. dazu finden hier jeden freitag demonstrationen mit internationaler unterstützung statt.

vor eineinhalb jahren musste dabei erstmal das recht erkämpft werden, überhaupt zu demonstrieren. im allgemeinen gibt es in den besetzten gebieten keine genehmigung für demonstrationen und am anfang gab es in bil’in sogar ausgangssperren und sobald sich im dorf eine demonstration formierte wurde sie von israelischen soldaten gestoppt.

mittlerweile gehen die demonstrationen meistens bis zur etwa einen kilometer entfernten mauer, wo sich demonstratInnen und soldaten kurz gegenüberstehen und nach etwa 20 minuten ist die demo wieder zuende.

doch dieses mal ist es anders. kurz nachdem die demo das dorf verlassen hat stehen bereits soldaten auf der strasse und im selben moment, in dem die demo auf die soldaten trifft beginnen diese mit gummimunition und rauchbomben zu schiessen.

wir gehen zurück. neben mit explodiert eine sogenannte sound-bombe, die einfach nur super laut knallt. die situation hat nichts gemeinsam mit allen demonstrationen die ich bisher erlebt habe. ich habe mehr das gefühl im krieg als auf einer politischen aktion zu sein.

wir halten und jetzt mehr im hintergrund, ausserhalb der sichtweite der soldaten sind wir relativ sicher. und nach kaum mehr als einer halben stunden ist die aktion auch schon wieder vorbei. allerdings gab es mehrere verletzte auf unserer seite.

die schweste verletzung war ein gummigeschoss, das in den kopf eines demonstranten eingedrungen und darin geblieben ist. die soldaten verweigerten auch ihm zunächst jede hilfe und erst nach einer halben stunde wurde er ins krankenhaus nach tel aviv gebracht.

so reisen wir mit recht aufgewühlten gefühlen zurück nach tel aviv. am abend gehe ich mit yonathan aus israel, lars aus deutschland und kebar aus dem baskenland am strand schwimmen. es tut gut, nach all den ereignissen der letzten tage, im meer zu schwimmen, auch wenn die wellen nicht so toll sind wie am dienstag. der meeresgrund ist hier sehr steinig. yonathan vermutete das sie von den arabischen häusern stammen, die hier 1948 zerstört wurden.

später am abend findet die queerhana party draussen an einem kleinen fluss im norden von tel aviv statt. ein letztes mal perfomances von drag kings und queens, auch von den spicy tigers on speed aus berlin die gerade wegen des world prides in israel sind. und tanzen bis zum morgen grauen …

der samstag ist voll mit plenum und arbeitsgruppen zur auswertung und reflexion von queeruption und am abend gibt es noch verschiedene filme die teilnehmerInnen aus verschiedenen ländern mitgebracht haben.

am sonntag frühstücke ich zuerst mit merit in einem cafe in florentin und dann fahren wir mit dem zug nach jerusalem. der zug brauch deutlich länger als busse, aber der letzte teil der strecke ist sehr schön. er führt durch ein grün bewachsenes tal mit einem kleinen bach herauf nach jerusalem, wo merit und ich in ein hostel nahe dem damaskus tor gehen.




thomas molck

Verfasst 13. August 2006 von xthomas in category "il jerusalem", "il tel aviv

3 COMMENTS :

  1. By axel (Autor) on

    ich bewundere deinen mut! danke auch für die – wirklich interessanten – reports.

  2. By thomas (Autor) on

    der urlaub beginnt jetzt :-> (siehe eintrag von heute)

  3. By dan (Autor) on

    was soll ich sagen? beklemmend und krass, insb. das verhalten der „staatsmacht“, aber auf der anderen seite, hey da unten ist krieg?!

    wieder dem auch sei, danke für die berichte! bin sehr gespannt auf deine „persönlichen“ erzaehlungen.

    war da nicht noch was mit „urlaub“? 😉

Kommentare sind hier deaktiviert.